Villa Papendorf: Weltstars im Wohnzimmer

(Foto: Villa Papendorf)

Eine Fabrikantenvilla bei Rostock, zu DDR-Zeiten heruntergekommen,
hat sich zum Geheimtipp für Kammermusikliebhaber entwickelt.
Zu Besuch bei den Hauskonzerten in der Villa Papendorf. 

Im Kamin prasselt ein munteres Feuerchen, gemütliche Ledersessel und Sofas mit bunten Kissen laden zum Verweilen ein, in der Ecke steht die gut sortierte Hausbar bereit. Wer die „Private Concerts“ in der Villa Papendorf bei Rostock besucht, findet sich unversehens in fremder Leute Wohnzimmer wieder. Es wirkt, als habe der Hausherr nur rasch den Teppich eingerollt, den Esstisch beiseite gerückt und einige Dutzend Stühle herbeigeschafft – und genauso ist es auch.

Der Hausherr heißt in diesem Fall Olav Killinger und ist im Hauptberuf Reeder. 2007 kaufte der 45-jährige Hamburger die Villa am südlichen Stadtrand von Rostock, um sie liebevoll zu sanieren. Erbaut hatte sie exakt 100 Jahre zuvor der Schwiegervater seines Großvaters, damals Besitzer der größten Ziegelwerke Norddeutschlands. In unmittelbarer Nähe zu seiner Fabrik an der Warnow schuf er sich einen standesgemäßen Familiensitz: eine schneeweiße Villa im Gründerzeit-Zuckerbäckerstil, komplett mit Uhrenturm, Veranda und Kutschenauffahrt, eingebettet in eine romantische Parkanlage. Zu DDR-Zeiten bröckelten Putz und Glanz des Schmuckstücks allerdings; Killingers Großmutter übersiedelte 1950 nach Hamburg. Erst nach der Wende reiste der junge Unternehmer erstmals nach Papendorf und fand das Familienerbe verfallen vor. Nun aber erstrahlt das Anwesen wieder in altem, neuem Glanz.

Doch allein mit der Restaurierung gab sich Olav Killinger nicht zufrieden: „Mit so einem tollen Haus muss man doch etwas anfangen.“ Der smarte Geschäftsmann mit dem jungenhaft gescheitelten rotblonden Haar sucht eben die Herausforderung – egal ob privat oder beruflich, wo er seine Stelle bei einer großen Reederei aufgab, um sich als Konkurrent selbstständig zu machen. Heute listet das Schiffsregister seiner Reederei „United Seven“ immerhin 15 Frachter. Seine Idee für Papendorf: Klassische Musik im Salon, frei nach dem Motto „Große Künstler im kleinen Rahmen“.

Seit 2012 veranstaltet er also Kammermusikkonzerte im Wohnzimmer der Villa; in diesem Kalenderjahr 25 an der Zahl. Die Liste seiner Gastkünstler braucht den Vergleich mit arrivierten Konzerthallen großer Metropolen kaum zu scheuen: Der Geiger Frank Peter Zimmermann ist mit von der Partie, die Cellisten Daniel Müller-Schott und David Geringas, die Pianistinnen Lise de la Salle und Anna Vinnitskaya, dazu Schauspieler wie Gudrun Landgrebe oder Dominique Horwitz. Mischa Maisky kommt schon zum zweiten Mal; den Rekord hält der Hamburger Pianist Sebastian Knauer mit sieben Gastspielen. Ihm ist es auch vorbehalten, die Papendorf-Saison 2014 im Februar im Dialog mit Hannelore Elsner zu eröffnen: Sie liest aus der Autobiografie von George Sand, er spielt im Wechsel Chopin, der mit der Dichterin liiert war und gemeinsam mit ihr eine tragisch umflorte Reise nach Mallorca unternahm. Ein charmantes Programm, dessen Intimität wie geschaffen ist für die Villa Papendorf.

Künstler wie Publikum schätzen die private Atmosphäre und den engen Kontakt. Der Salon fasst etwa 80 Zuhörer in einem Dutzend Sitzreihen lose gestellter Stühle, eine geöffnete Flügeltür fungiert als Bühnenportal. Vorn steht der Steinway-B-Flügel, den Killinger auf Rat von Knauer eigens angeschafft hat, hinten reihen sich Bücherregale. Die dunkle Holzvertäfelung kontrastiert mit den verspielten bunten Glasfenstern, und an der Wand hängt eine verblüffend echt wirkende, großformatige Reproduktion von Carl Spitzwegs Sonntagsspaziergang, der ironischen Ikone des Biedermeier. Ein passenderes Gemälde könnte man sich für diesen Raum nicht vorstellen, schließlich fällt in die Zeit zu Beginn des 19. Jahrhunderts die Geburtsstunde der klassischen Salon-Musik: Schubert und seine Freunde veranstalten „Schubertiaden“ mit Gesang und Rezitation, Schumann, Chopin und Liszt geben private Klavierabende. Der Geist dieser Epoche ist in der Villa Papendorf mit Händen greifbar – schon am Eingang, wo Olav Killinger alle Gäste persönlich mit einem Glas Champagner begrüßt.

Entsprechend euphorisch fällt auch die Reaktion der Künstler aus. „Von der Villa Papendorf bin ich vollauf begeistert“, schwärmt Hannelore Elsner. „Olav Killinger hat aus einer schönen Villa mit viel Liebe einen Musentempel gemacht. Die Räume sind so geschmackvoll eingerichtet, und die Nähe zum Publikum schafft eine ganz besondere, intime Atmosphäre.“ Ohnehin schätzt der Film- und Fernsehstar den Kontakt zu anderen Kunstsparten: „Ich liebe klassische Musik. Sogar wenn ich auf der Bühne stehe und George Sand lese, könnte ich weinen vor Rührung, wenn Sebastian Knauer Chopin spielt.“ Knauer gibt das Kompliment artig zurück, erklärt aber auch, vor welche Herausforderung das Setting die Künstler stellt: „In einem großen Saal zu spielen ist fast einfacher als in so einem kleinen Rahmen. Auf der großen Bühne ist es leichter, sich Freiraum zu schaffen – die Zuhörer sind recht weit weg. Hier höre ich sie atmen! Aber das macht eben die Besonderheit aus.“

Genau das möchte Olav Killinger erreichen. Die Nähe zwischen Künstlern und Zuhörern ist ihm wichtig; entsprechend heißen seine Reihen „Begegnungen im Salon“ oder „Klassik ganz privat“. Dafür nimmt er gerne in Kauf, dass die Akustik im Wohnzimmer ein bisschen knifflig ist und von der zentimetergenauen Positionierung des Flügels abhängt – und auch, dass die Kartenpreise nicht ganz günstig sind (zwischen 60 und 140 Euro, Ermäßigungen gibt es nicht). Anders lasse sich bei einem so kleinen Platzangebot keine schwarze Null schreiben, trotz einiger Sponsoren aus der Schifffahrtswelt. Für den Reeder ist der Einstieg ins Konzertveranstalter-Business – in dem er sich selbst noch immer als Neuling sieht – eine „spannende und lehrreiche“ Angelegenheit. Schließlich verhandelte er bislang zwar regelmäßig über Weizen- und Eisenerz-Ladungen, aber selten mit den Agenten von Weltstars der Klassik. Da war es auch nur bedingt hilfreich, dass Killinger selbst von Kindesbeinen an Trompete und Klavier spielt.

Mit seinen Konzerten, da ist er sich mit Hannelore Elsner und Sebastian Knauer einig, leistet er jedenfalls einen wichtigen Beitrag zur nordostdeutschen Musiklandschaft. Denn auch wenn Rostock über eine vorzügliche Musikhochschule verfügt und die Festspiele Mecklenburg-Vorpommern im Sommer das Land mit Musik überziehen, lockt Killinger Stars und Musikliebhaber in diese Gegend, die den Weg sonst vielleicht nicht finden würden. Von Hamburg aus ist die Villa in etwa anderthalb, von Berlin aus in zwei Autostunden zu erreichen. Die Konzerte sind zumeist auf Samstage terminiert, um Wochenend-Ausflüglern die Möglichkeit zu geben, tagsüber den historischen Stadtkern von Rostock mit seinen mächtigen Backsteingotik-Kirchen zu erkunden. Und die Pläne für die nächsten Jahre liegen auch schon in der Schublade: Auf den aktuellen Cello- soll ein Geigen-Schwerpunkt folgen, dann vielleicht das Artemis Quartett …

Inzwischen ist der letzte Akkord verklungen, Elsner und Knauer haben mächtig Applaus und Blumensträuße entgegengenommen und sich anschließend unter die Besucher gemischt: hier eine Nachfrage, dort ein Autogramm, da ein Erinnerungsfoto mit dem Smartphone. Noch lange nach dem Konzert stehen im Salon und im Kaminzimmer Grüppchen von Zuhörern, die sich über den Abend austauschen.

Und Gastgeber Olav Killinger lässt es sich nicht nehmen, Künstler und Freunde an einer langen Tafel persönlich mit Rotwein und einem Teller Nudeln zu versorgen. Nach seinem schönsten Konzerterlebnis in der Villa gefragt, mag er sich zunächst gar nicht festlegen. „Das Schönste“, sagt er schließlich, „sind die Rückmeldungen begeisterter Gäste. Nach Mischa Maiskys letztem Auftritt schrieb mir jemand, so intensiv und unmittelbar könne man Musik wohl in keinem Konzertsaal der Welt erleben. Das sprach mir aus der Seele.“

Villa Papendorf

Alte Ziegelei 1
18059 Papendorf/Rostock
Tel: +49-(0)381-444 44 777
service@villa-papendorf.de
www.villa-papendorf.de
Share

Kommentieren Sie diesen Artikel

*

*

Ihre Email-Adresse wird nicht publiziert. Pflichtfelder sind markiert mit *