Violetta am seidenen Faden

Foto: Lindauer Marionettentheater

Das Stadttheater in Lindau am Bodensee beheimatet mit der Marionettenoper eine ganz besondere ­Sparte, in der ein spielwütiges Ensemble rund um den Puppenspieler Bernhard Leismüller bekannte Werke der Operngeschichte auf die Bühne bringt.

Seit dem Jahr 2000 hat der Puppenspieler Bernhard Leismüller in der von ihm gegründeten Lindauer Marionettenoper die Fäden in der Hand. Was hier passiert, hat wenig mit Kindheitserinnerungen an die Augsburger Puppenkiste zu tun, sondern trägt viel von der professionellen Ernsthaftigkeit komplexer Opernproduktionen in sich. Verknüpft mit einer höchst beeindruckenden Liebe zum Detail, denn alle 450 Puppen, die heute zum Repertoire der Marionettenoper zählen, hat Bernhard Leismüller selbst gebaut. Auch sämtliche Kostüme wurden von ihm entworfen und angefertigt, darüber hinaus ist der Puppenspieler für die Choreografie und die Spielleitung der Stücke verantwortlich.

„Wenn ich ein Stück konzipiere und mir die Musik anhöre, dann habe ich sofort so viele Bilder und Ideen im Kopf“, erzählt Bernhard Leismüller bei einem Besuch in den Katakomben des Theaters. „Ohne es skizzieren zu müssen oder es jemandem erklären zu müssen, weiß ich dann schon, wie die Puppen aussehen sollen, und kann das genau so umsetzen. Eigentlich ist mit dem Hören der Musik schon alles fertig und muss nur noch gemacht werden.“ Der Puppenspieler lacht verschmitzt, aber was er sagt, klingt einfacher, als es ist, denn die Entwicklung einer neuen Produktion ist äußerst aufwendig. Ein ganzes Jahr benötigt Bernhard Leismüller allein dafür, um die Puppen herzustellen, die er für eine Inszenierung braucht – das sind zwischen 30 und 50 Marionetten pro Oper. „Bevor ich die Puppen zusammenbaue, schnitze ich monatelang nur die Einzelteile, zum Beispiel Hände“, verrät er. „Die Hände sind ein ganz wichtiges Ausdrucksmittel, weil die Puppen keine bewegliche Mimik haben. Das bedeutet, dass der Kopf so gestaltet wird, dass sowohl das Stumme als auch das Gesprochene in das Gesicht hinein­interpretiert werden kann und dass wir die Stimmungen durch die Körpersprache der Figur ausdrücken müssen.“

Sind die Puppen einmal fertig, muss noch die Kulisse samt der Requisiten gebaut werden, dann wird die Inszenierung inhaltlich entwickelt und die perfekte Abstimmung auf die Musik geprobt. Das alles passiert parallel zum laufenden Spielbetrieb. Tagsüber ist der Puppenspieler in der Werkstatt, abends ist Vorstellung, zwischendurch finden Proben statt. Das Spiel mit den Puppen ist ein Fulltimejob für Bernhard Leismüller.

Bereits als Kind haben ihn die Marionetten magisch angezogen, in seiner Heimat Bad Tölz hatte er das Glück, das Handwerkszeug direkt vom renommierten Puppenbauer Oskar Paul zu lernen. Alles Weitere brachten dann eine große Portion Neugier und das Talent fürs Spiel mit sich. Mittlerweile hat Bernhard Leismüllers Marionettenoper ein zehnköpfiges Puppenspielerensemble, das dem Publikum auf den knapp 100 Plätzen in der klassischen Guckkastenbühne im kleinen Saal des Theaters neun Monate im Jahr mehrmals in der Woche viele Highlights aus der Opernwelt präsentiert.

Über die richtige Auswahl der Stücke macht Bernhard Leismüller sich im Vorfeld viele Gedanken. „Der Charakter der Marionette ist eher komödiantisch, das liegt in der Natur der Puppe. Eine Opera buffa ist also immer leichter umzusetzen als eine Tragödie. Die Zauberflöte oder Der Barbier von Sevilla eignen sich super, da geht es vorwärts, da stirbt keiner zum Schluss.“ Bernhard Leismüllers Augen blitzen, wenn er spricht. „Wir haben uns aber auch für La Traviata entschieden, weil sie weltweit eine der populärsten Opern ist, und weil wir uns der Herausforderung stellen wollen, auch mal eine hochdramatische Handlung mit den Puppen darzustellen.“

Auch in diesem Fall war dem Puppenspieler die Wahl der richtigen Aufnahme wichtig. „Unsere Arbeit entsteht in ganz, ganz engem Kontakt mit der Musik. Wenn man die Augen zumacht und auf den Gesang hört, dann sagt einem das schon  viel darüber, was richtig ist, weil der Sänger das ganz passend interpretiert und der Komponist die Stimmung bereits so auf dem Präsentierteller serviert, dass man fast nichts falsch machen kann. In unserer Traviata singt Luciano Pavarotti den Alfredo, und Joan Sutherland ist die Violetta. Wissen Sie, dass die Sopranistin ihre letzten Lebensjahre hier am Bodensee verbracht hat? Wir haben immer gehofft, dass wir sie mal einladen können. Aber es ist nie dazu gekommen. Jetzt schaut sie vielleicht von oben zu.“ Bevor er zur Probe für die abendliche Aufführung aufbricht, gibt Bernhard Leismüller noch einen kurzen Einblick in das Puppenspieler-Einmaleins: „Oft sind ganz kleine Bewegungen besonders entscheidend. Ob eine Puppe zum Beispiel fragend den Kopf hält oder wie man sich traurig auf einen Stuhl fallen lässt. Das Spielkreuz, mit dem wir die Puppen bewegen, lässt die kleinen entscheidenden Nuancen in der Körperhaltung sehr gut zu, und das ist in der Oper total wichtig. Unser Ziel ist es, dass der Zuschauer völlig vergisst, dass da gerade Musik vom Band läuft. Er soll denken, dass die Puppe wirklich singt. Das setzt voraus, dass der Spieler die Puppe absolut exakt auf die Musik abgestimmt bewegt. Wenn ein Einatmen zu hören ist oder wenn der Sänger bestimmte Konsonanten betont, muss die Puppe das körperlich perfekt darstellen, damit das Optische und das Akustische auf der Bühne miteinander verschmelzen.“

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