Von der Puppe geküsst

Foto: Salzburger Marionettentheater

Es muss ein echter Pygmalion-Moment ­gewesen sein: 1913 hatte der Bildhauer Anton Aicher die Vision, dass seine Schöpfungen zum Leben erwachen. Seine beweglichen Figuren waren der Ursprung des Salzburger Marionettentheaters – und frappieren bis heute durch ihren Grenztanz zwischen Kunstobjekt und „Menschwerdung“.

Es geht alles um die Bewegung!“, macht Barbara Heuberger, Geschäftsführerin des Salzburger Marionettentheaters, klar. Nur wenn sie perfekt gelingt, kann diese eigentümliche Aura entstehen, in der die Puppe zum Mensch wird. Und Bewegung kann nur durch ihren unsichtbaren Spieler entstehen, wodurch eine faszinierend rätselhafte Dreierbeziehung „Spieler–Puppe–Zuschauer“ eingegangen wird. Dann geschieht es plötzlich, dass Puppen beim Zuschauer etwas ganz besonderes öffnen und ganz anders berühren. Ist es Nostalgie, eine Atmosphäre aus der Kindheit? Oder ist es die eigentümliche Perfektion der Puppe, denn der Mensch schwitzt, ist zu dick, ist zu groß? Eine einfache Antwort gibt es nicht. „Der Theater- und Opernbetrieb ist ununterbrochen auf der Suche nach etwas Neuem, aber auch nach Gefühlen“, analysiert Heuberger, hier könne Puppenspiel perfekt ansetzen.

Am Salzburger Marionettentheater wird die Kunst der Figurenbewegung seit über 100 Jahren perfektioniert – vornehmlich zu Opern von Mozart, vornehmlich für Erwachsene, wobei es auch spezielle Kindervorstellungen gibt. Die Musik kommt in der Regel vom Band, die sorgsam ausgewählten Aufnahmen werden im hauseigenen Tonstudio präzise geschnitten und bearbeitet. Neben den rund 160 Vorstellungen im hübschen Salzburger Theater – ehemals dem prunkvollen Speisesaal des legendären „Hotel Mirabell“, in dem Künstler wie James Joyce residierten – stemmt das zehnköpfige Ensemble bis zu 100 Gastspielauftritte jährlich. „Gerade bereiten wir eine Tournee nach Saudi Arabien mit The Sound of Music vor. Gestern stellte der Veranstalter fest, dass dort eine ganze Gruppe von Nonnen mitspielt, und fragte, ob man das ändern könne. Ich weiß noch nicht, wie ich damit umgehen soll“, hadert Heuberger, die zu jedem Auftritt rund fünf Tonnen Bühnenbild und Figuren auf die Reise schickt.

An den Puppen selbst hat sich seit der Gründung wenig verändert, außer dass sie wegen des größeren Zuschauerraums zur besseren Sichtbarkeit deutlich größer geworden sind, heute oft um die 70 Zentimeter hoch. Die Puppenspieler bauen ihre Figuren größtenteils selbst, sind Künstler und Handwerker zugleich, haben dementsprechend völlig unterschiedliche Lebensläufe – vom Literaturwissenschaftler bis zur Ofenbauerin. Die ganz besondere Führung des Spielkreuzes, die bereits seit der Gründung praktiziert wird, wurde 2016 in die UNESCO-Liste des Immateriellen Kulturerbes aufgenommen. Kein Wunder, dass man diese Art des Spiels nur vor Ort lernen kann, indem man einfach übt, übt und übt. Da kommt es auch mal vor, dass eine komplexe Figur wie die der russischen Tanzlegende Anna Pawlowa von fünf Spielern gleichzeitig bedient werden muss. „Der Puppenspieler muss sich in die Puppe entseelen, damit sie ihre Kraft hat“, weiß Heuberger. Ist ein Spieler schlechter Laune, hat er Liebeskummer, so übertrage sich das sofort auf seine Figur.

Und Heubergers Visionen für die Zukunft? 2019 wird es in Kooperation mit Bonn eine Fidelio-Produktion geben. Außerdem würde sie sehr gerne das Sissi-Musical auf die Bühne bringen, denn Sissi liebe einfach jeder. Auch weitere Kooperationen, wie 2006 mit den Salzburger Festspielen, wünscht sie sich. Schließlich ist Heuberger offen für kleine Revolutionen im Zuschauerraum: Die Guck­kastenoptik aufbrechen, die Marionetten mal mitten ins Publikum holen – und ja, gerne auch die Spieler sichtbar machen und so eine weitere Betrachtungseben öffnen zwischen Mensch und vermenschlichter Puppe.

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