“We need Haltung”

Alan Gilbert weiß, dass die deutschen Radio-Orchester neue Wege finden müssen. In Hamburg wird er drauf setzen, den Geist der Stadt zu beleben. Ein Gespräch über die Zukunft des Elbphilharmonie-Orchesters und Konzepte für Radio-Orchester.

Den ersten Konzertteil, ein Mozart-Klavierkonzert mit Yundi und der Sächsischen Staatskapelle Dresden, hat Alan Gilbert  gerade hinter sich gebracht. Gleich steht Richard Strauss’ „Sinfonia Domestica“ auf dem Programm  der China-Tournee. Ein gigantisches Als-Ob, ein Notengebäude aus akustischen Nebelkerzen, ein Stück, das sich anhört wie ein weißer Elefant, der eine Dreiviertel Stunde lang in einem Wiener Caféaus tanzt. Ein Werk, dass selbst Christian Thielemann verschmäht, eines der wenigen Strauss-Stücke, das er den Gastdirigenten der Kapelle überlässt. Nach der Pause wird Gilbert zeigen, was man mit diesem merkwürdigen Stück alles anfangen kann. Er wird ihm eine Form geben, einen Aufbau, eine Dramatik, einen Sog, er wird auf Effekte setzen und gleichsam die Motive sezieren, Rausch und Ratio miteinander verbinden.

Aber jetzt sitzt er erst einmal in der Künstlergarderobe des Pekinger Konzerthauses. Seine Haare verstrubbelt, die Augen zugekniffen. Er ist aufgeweckt, konzentriert, einer, der gern über Musik nachdenkt, spricht, der sich einlässt auf den Gegenüber, der unterbricht, der ausreden will, der sich nicht bremsen lässt. Und Alan Gilbert liebt schrägen Humor. Seine Witze zünden oft erst nach einigen Sekunden. „Zeus“ habe er seinen Hund genannt, erzählt er zum Beispiel, so wie in der Fernsehserie „Magnum“. „Auf Englisch wird ‚Zeus‘ ‚Süss‘ ausgesprochen, und das passt doch gut für Hamburg“, erklärt der Dirigent, der 2019 das NDR-Elbphilharmonie-Orchester übernehmen wird. Dann holt er sein Handy heraus und zeigt ein Bild, das seine Frau ihm aus ihrer gemeinsamen Heimat Stockholm geschickt hat: darauf ist ein Hund zu sehen, kaum größer als eine Ratte, mit hellem Locken-Fell. Das also ist der „gefährliche Zeus“. Alan Gilbert mag die Ambivalenz. Er genießt es, wenn sein Gegenüber nicht sicher ist, ob er nun auch lachen soll oder nicht. Gilbert ist ein Meister des angeschnittenen Humors. Er pflegt das Understatement – und damit passt er schon Mal sehr gut nach Hamburg.

" Die große Frage nach dem Warum "

Natürlich kann Alan Gilbert auch ernst sein. Immer dann, wenn es um Orchester, um Strategien und um die große Frage nach dem „Warum“ geht. „Klar“, sagt er, „die deutschen Radioorchester stehen an einer Wegscheidung.“ Einst dienten sie dazu, den Menschen im Radio die großen symphonischen Werke nahezubringen. Das Radio selber spiele heute aber kaum noch eine Rolle, das große Repertoire sei längst aufgenommen. „Aber die Orchester mit ihrer großen Tradition gibt es zum Teil eben immer noch. Und das ist doch der spannende Punkt“, sagt Gilbert, „wir müssen die Frage beantworten, was uns legitimiert.“ Auch in Hamburg wird es ihm also wieder um die Frage nach dem großen  Warum gehen.

Dass ein Wandel innerhalb der Radiosinfonieorchester stattfinden muss, haben ein Teil der Orchester längst selber festgestellt. Der SWR hat ausgerechnet ein Enfant terrible wie Theodor Currentzis geholt – und es wird spannend sein, wie dieser Freidenker die Strukturen eines öffentlich-rechtlichen Orchester-Tankers in Frage stellen wird. Auch der NDR hat festgestellt, dass er weder musikalisch noch programmatisch mit einem eher spezialisierten Thomas Hengelbrock eine Zukunft haben wird. Alan Gilbert zu verpflichten war ein kluger Schlachtzug. Auch, weil er bei den New Yorker Philharmonikern bereits gezeigt hat, wofür er steht: für einen radikalen Wandel.

" Die Elbphilharmonie ist auch nur ein Haus "

„Die Situation in Hamburg ist außergewöhnlich“, sagt Gilbert, „quasi über Nacht wurde die Stadt durch die Eröffnung der Elbphilharmonie zum Zentrum der klassischen Musik.“ Natürlich weiß er, dass das NDR-Orchester nun mit den großen Gastorchestern, den Berliner- und Wiener Philharmonikern, dem Concertgebouw oder den Staatskapellen aus Dresden und Berlin konkurrieren muss. Und ihm ist klar, dass das mit einem 0/8/15-Repertoire kaum zu schaffen ist. Und noch etwas ahnt Alan Gilbert: „Es ist großartig, einen Saal wie die Elbphilharmonie zu haben. Aber wir dürfen nicht vergessen, am Ende ist es nur ein großes Gebäude – mehr nicht.“ im Gegensatz zu vielen anderen Beteiligten in der Hansestadt glaubt er nicht daran, dass die Elbphilharmonie langfristig als Architektur-Objekt allein die Gäste anzieht, dass es egal ist, was man in zwei Jahren in diesem Saal programmiert, weil die neugierigen Besucher eh kommen werden. „Es muss darum gehen, dem Saal durch das NDR-Orchester eine Seele zu geben“, sagt er, „mehr noch: es wäre großartig, wenn das Orchester ein Teil der Seele der Stadt wird.“

Sätze wie diese können schnell vermessen klingen. Aber Alan Gilbert ist alles andere als größenwahnsinnig. Er ist klug. Und er weiß, dass Musik nicht allein der Musik dienen kann – dass sie immer auch Anknüpfungspunkte innerhalb einer Gesellschaft haben muss. „Es ist wichtig, dass ein Orchester wie das NDR-Orchester für jeden erreichbar ist“, sagt der Dirigent, „mir ist schon klar, dass nicht jeder Hamburger in unsere Konzerte kommen wird. Darum geht es auch gar nicht: Aber es ist durchaus vorstellbar, dass das Orchester auch für jene Bürger, die nicht in unsere Vorstellungen kommen, eine Haltung ausstrahlt, eine Kategorie wird, die zur Stadt gehört, mit der sich die Bürger identifizieren können.“ Letztlich schwingt in solchen Gedanken eine Grundhaltung mit, die dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk ebenfalls gut anstehen würde: Ein Orchester hat ebenso wie die Radio- und Fernsehsender die Aufgabe, da zu sein, zuzuhören, zu ordnen – eine gesellschaftliche Funktion einzunehmen. Einen Standpunkt zu etablieren, an dem sich ein offener Diskurs entzünden kann.

" We need Haltung "

Überhaupt ist das Wort „Haltung“ eines der Lieblingsworte von Alan Gilbert. „We need Haltung“, sagt er gern. Damit meint er keine politische Positionierung, sondern eine ästhetisch-humanistische Standortbestimmung. Musik als Orientierung. Als Reibungsfläche. Als Angebot, über ganz andere Dinge zu reden. „Darum muss es in dieser Welt doch gehen“, sagt Gilbert, „die wir oft nicht mehr verstehen, in der die Extreme Überhand gewinnen. Ein Orchester kann da gegensteuern – indem es Haltung zeigt. Ein Bekenntnis zur Tradition, zur Gegenwart und zur Zukunft.“

Wie das aussehen kann, hat Gilbert, Sohn zweier Geiger des New York Philharmonic Orchestras, bereits als Chefdirigent in New York gezeigt.

Rückblende: Die New York Times hatte den Dirigenten im Mai dieses Jahres hinter der Bühne besucht. Damals war bereits klar, dass er das Orchester verlassen würde. Der Dirigent stand hinter der Kulisse, ein Handtuch um den Hals, ein Brooklyn Pilsner in Reichweite. „Wer hat denn dieses Programm gemacht?“, wollte er wissen. Im ersten Teil wurde Brahms’ Violinkonzert gegeben, nach der Pause Werke von Gegenwartsmusikern wie Anna Thorvaldsdottir und Esa-Pekka Salonen. Tonsetzer, die dem New Yorker Publikum Angst einjagen. Während das Auditorium im ersten Teil gut gefüllt war, lichteten sich im zweiten Teil die Reihen. Natürlich hatte Gilbert diesen Abend selber programmiert. Und  das im vollen Bewusstsein um den Geschmack seines Publikums.

" Mehr programmatische Ideen, mehr Konzert-Konzept, weniger Überwältigungsliteratur "

In den letzten acht Jahren hat er eines der wichtigsten Orchester der USA vollkommen auf den Kopf gestellt. Nachdem Leute wie Kurt Mazur die Massen mit ihren Programmen weitgehend befriedigt hatten, stand plötzlich zum ersten Mal ein waschechter New Yorker dem Orchester vor. Und der wollte, dass seine Musiker und sein Publikum einen gemeinsamen, spannenden Weg mit ihm gehen, einen Weg, der in europäischen Orchestern seit langem Gang und Gäbe ist – einen Weg, in dem sich das große, bekannte Repertoire mit Neuer Musik abwechselt. Ein Programm, für das Gilbert sogar eine Art Musik-Biennale, die „NY Phil Biennial“ gründete. Seine Innovationen waren allerdings nicht unumstritten. Etwa, als er Messiaens Oper „Franz von Assisi“ aufführen wollte, dafür sogar die MET als Partner hatte, musste Gilbert das Projekt am Ende auf Grund des öffentlichen Druckes streichen und stattdessen den „Ring“ dirigieren.

Alan Gilbert hat die New Yorker umgekrempelt wie vor ihm höchstens Pierre Boulez in den 1970er Jahren: Mehr programmatische Ideen, mehr Konzert-Konzept, weniger Überwältigungsliteratur. Viele haben sich darüber gefreut, dass New Yorks Vorzeigeorchester endlich wieder mit Intellekt unterfüttert wurde, andere kritisierten den Dirigenten, am breiten Publikumsgeschmack vorbeizuplanen. Fakt ist: Selten waren die Programme des Orchesters so spannend wie unter ihm, selten hörte man das Ensemble derart engagiert. Der Chefdirigent hat dem Orchester wieder so etwas wie ein Image gegeben, eine Unverwechselbarkeit – eine Haltung in einer verrückten Welt.

Im Dirigentenzimmer in Peking redet sich Alan Gilbert langsam warm. Man kann sich vorstellen, wie er darauf brennt, seine Ideen und Konzepte mit den Musikern des NDR-Orchesters, vor allen Dingen aber auch mit dem Publikum auszutuschen. Auf den ersten Blick wirkt Gilbert eher stoisch, in sich gekehrt – er ist kein Entertainer-Maestro. Aber wenn es wirklich um etwas geht, findet er klare Worte und er schafft es, seine musikästhetischen Ideen in Töne zu verwandeln. Er kann die Musik zur Sprache erheben, dem Klang Haltung einhauchen. Einer wie er ist goldrichtig für Hamburg. Ein Dirigent mit Konzept. Ein Dirigent, der sich nicht von einem architektonisch eindrucksvollen Konzertsaal blenden lässt. Ein Dirigent, dem es darum geht, mehr aufzuführen als nur Musik, der die Struktur und die Rolle eines Radiosinfonieorchesters hinterfragen will. Ein Dirigent, der dem NDR-Orchester das zurückgeben könnte, was in den letzten Jahren so sehr gefehlt hat: Ein Kurs, eine Offenheit, ein Konzept – eine Haltung.

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