Warum Hannover seinen Freischütz ändern musste

Wie ich eine Neben-Nebenrolle im Regietheater spielte und dann doch verschwand

Oder: Warum es gut ist, dass Hannovers Freischütz-Regisseur Kay Voges nicht alles darf

Von Axel Brüggemann

Meine Mutter ist mein größter Stalker. Sie ist so eine „Hast-Du-Schon-Gelesen-Mutter“. Ich glaube, sie googlet täglich meinen Namen. Und sie hat die theatrale Gabe, mir irgendwelche Blogeinträge oder Kommentare zu meinen Texten immer dann zu präsentieren, wenn es gerade gemütlich wird. So wie neulich, an meinem Geburtstag: Alle waren da, und meine Mutter hielt mir einen Stapel mit Zeitungskritiken zu Hannovers vermeintlichem „Skandal-Freischütz“ von Kay Voges vor die Nase. „Hast Du schon gelesen?“ Ich legte die Texte  beiseite, wollte mich um meine Gäste kümmern, aber meine Mutter fing einfach an, mir die Artikel vorzulesen. Etwa jenen aus der „HaZ“: „Beim Jägerchor sind marschierende Pegida-Anhänger zu sehen, und vor dem volkstümlichen Lied vom Jungefernkranz erklärt der Dirigent Christian Thielemann auf der Videowand in einem verrückten Kurzinterview, warum Volksmusik Kunstmusik sei. An dieser Stelle hält die Dirigentin Karen Kamensek im Orchestergraben ein Schild in die Höhe, auf dem steht, dass sie sich von dieser Szene distanziere.“

Meine Neugier war geweckt. Ein „Freischütz“-Interview mit Christian Thielemann, ja, das hatte ich geführt, damals für das Vorprogramm beim Public-Viewing in Dresden, gemeinsam mit Carolin Kebekus und Olaf Schubert moderierte ich die Live-Übertragung für die 10.000 Besucher auf dem Opernplatz. Die „Kapelle für Kids“ spielte, wir schauten in Einspielfilmen hinter die Bühne, Olaf Schubert erklärte die Handlung, und ich habe unter anderem auch mit Christian Thielemann gesprochen. Wirklich verrückt war unser Interview vielleicht nicht, eher ein lustiges Frotzeln über die Bedeutung der Volksmusikelemente in der Oper, darüber, ob Volksmusik Kunstmusik sei, warum der „Jungfernkranz“, aber auch „Am Brunnen vor dem Tore“ eben keine Dumm-Dudel-Musik sind, sondern kunstvolle Verwandlungen eines modernen Empfindens.

“Ein hochnotpeinlicher Interviewausschnitt”

Dann las ich auch die anderen Texte, die meine Mutter mitgebracht hatte. Etwa aus dem „Online Musik Magazin“: „Von besonderer Bedeutung ist ein Schild, das die Dirigentin bei einer Projektion hochhält: ‚Ich distanziere mich von dieser Szene. K.K.’ Hierbei geht es um einen eingeblendeten Ausschnitt eines Interviews mit Christian Thielemann, der Volksmusik als Kunst bezeichnet, hier offenbar vorgeführt werden soll, im Endeffekt aber den wenig klug fragenden Journalisten vorführt.“ Und auch meine lieben Freunde von der „Welt“ hatten ihren Spaß an dieser Vorführung: „Den (Thielemann) sieht man übrigens zwischendurch in Hannover auch. In einem hochnotpeinlichen Interviewausschnitt, in dem es um den ‚Freischütz’ und Volksmusik und Kunstmusik geht. Und Thielemann eine höchst merkwürdige Position einnimmt.“

Dann habe ich noch den Total-Verriss der Inszenierung in der „Süddeutschen“ gelesen, und die Sache war klar: Thielemann und ich waren Teil von Voges dumpfdeutscher Freischütz-Freakshow, in der außerdem allerhand Pegida-Demonstranten, Nazis und Neonazis auftreten, sowie Wiedergänger der Wildecker Herzbuben und Harald Ewerts, jener peinlichen Symbolfigur, die bei den Anschlägen in Rostock-Lichtenhagen im Trikot der Fußball-Nationalmannschaft mit eingepisster Jogginghose den Arm zum Hitlergruß hob. Ich fand das zunächst einmal lustig und bestellte per Mail zwei Pressekarten, um mir Voges Schabernack selber anzusehen. Der der Pressesprecher aus Hannover antwortete prompt und mit ziemlich dicker Hose: „Die beiden Pressekarten sind reserviert (und bringen Sie Herrn Thielemann ruhig auch gleich mit).“

Am nächsten Morgen war mein Ehrgeiz geweckt. Ich hatte noch etwas mehr über die Inszenierung gelesen: Voges ging es angeblich darum, auf der Bühne „die deutsche Nationaloper“, wie er den „Freischütz“, den Weber selber „Romantische Oper in drei Aufzügen“ nannte, als „Creation“ entstehen zu lassen. Samiel, eine Art degeneriertes Sams, tritt als Strippenzieher auf. Was ich las, war eher langweilig: Routine-Regietheater. Man nehme eine Oper, überblende sie mit einigen Videos aus den Schlagzeilen der letzten Monate und Jahre, man lese „Deutsch“ und packe ein Paar Gartenzwerge, Nazi-Uniformen und Skins auf die Bühne, vermische dieses mit den Protagonisten, die sich in kackbraunen Häufchen aalen und behaupte am Ende: so steht es um Deutschland. Ich habe Euch gewarnt!

Wenn Voges schon streiten will, dann will ich ihm das Spiel nicht verderben, dachte ich und schickte eine weitere Mail, in der ich um ein Interview mit der Dirigentin bat. Auch dieses Mal kam die Antwort des Pressesprechers prompt: „Leider ist es so (und ich hatte gehofft, es wäre nicht mehr so), dass Frau Kamensek schon seit geraumer Zeit keine Interviews mehr gibt. Sie ließ sich auch in ihrem Fall nicht mehr umstimmen.“ Das wiederum fand ich etwas merkwürdig: Wie passt es zusammen, dass ein Theater die totale Provokation sucht, dafür ein sechsminütiges Interview, in dem Thielemann durchaus spannende Ansätze von Volksmusik und Kunstmusik erklärt, auf 31 Sekunden zurechtschneidet und am Ende dann einer eigenen Positionsbestimmung ausweicht?

Mit welchem Selbstverständnis wird da auf der Bühne eigentlich argumentiert? Weber wird als Urvater dunkeldeutscher National-Modernismen installiert und kann sich nicht wehren. Ein Dirigent, der immer wieder versucht, seinen Zugang zu Weber und anderen Komponisten zu erklären, der durchaus streitbare Meinungen zu politischen Themen formuliert, wird bloßgestellt, ebenso wie sein Opernhaus, das in Dresden seit Monaten versucht, Flagge gegen die Pegida-Demonstrationen zu zeigen, das Fahnen hisst, auf denen es „offene Türen“ für alle Menschen proklamiert, dessen Musiker angepöbelt werden, das den Pegida-Demonstranten klassische Musik entgegenschmettert. Und all dem wollen Macher dieses Machwerkes sich in einem Gespräch nicht stellen? Vielleicht ist der Unterschied zwischen Thielemann und Voges, dass der Dirigent im Interview sagt, dass er den „Freischütz“ für eines der „größten Werke der Weltliteratur“ hält – für Voges ist es nur eine Posse, ein schlechter Witz, den er dummerweise gerade aufführen muss.

“Bringen Sie Herrn Thielemann doch mit”

Ich schicke eine weitere Mail, nur aus Interesse, woher Hannover eigentlich das Material und die Rechte bekommen hat, ob man in Dresden nachgefragt habe, so wie wir als Fernsehmacher das bei jedem Ausschnitt tun müssen, den wir senden. Oder hat sich das Theater als moralische Anstalt mit allumfassenden Recht an der Kunst und überhaupt allem einfach selber ermächtigt, die Urheberschaft anderer ungefragt zu unterwandern und deren eigentlichen Aussagen ungefragt zu entfremden? Dieses Mal fiel die Antwort des Pressesprechers etwas schmallippiger aus: Er wolle das mal herausfinden.

Gestern war es dann so weit. Wieder stand der „Freischütz“ auf dem Programm, der in Hannover übrigens für ein Publikum ab 16 Jahren freigegeben ist. Der Intendant, Michael Klügl, und der Regisseur hatten mich inzwischen gebeten, vor der Aufführung noch schnell vorbeizuschauen. Sie hatten guten Weißwein parat. Das Intendanten-Büro roch wunderschön nach kaltem Zigarrenqualm. Die Aura war gesetzt: Man ist hier unter Bohemiens, dort, wo die komplizierte Welt mit schnellen Ressentiments geordnet wird, wo einen die Kunst unangreifbar macht, wo man sich einfach gut fühlt, wo alles erlaubt ist, was dem eigenen Weltbild dient.

Das Problem an Kay Voges ist, dass er sich mindestens so gern selber reden hört wie ich mich auch. Ein echt netter Typ, eigentlich. Und frei heraus. Das mit dem Video sei so gekommen, erklärte er mir: Er hatte das gesamte „Freischütz“-Konzept fertig, nur mit dem „Jungefernkranz“ fremdelte er noch. Ob Weber vielleicht ein Fehler unterlaufen sei? Auf jeden Fall passte diese Nummer einfach nicht in Voges Lesart. Eine Zeitlang hatte er überlegt, diesen „Hit“ einfach zu streichen. Aber dann, es war spät in der Nacht, er hatte bereits einigen Wein und andere alkoholische Getränke intus (so erzähle er es mir), fiel die Lösung einfach aus dem Internet. Da fand er unser Interview auf Youtube. Und plötzlich war ihm alles klar: Mit einem Schnipsel der Thielemann-Aussage könne er Webers lächerlichen „Jungefernkranz“ perfekt der Lächerlichkeit preisgeben. Wahrscheinlich hat er auch das Ende des Gespräches gar nicht mehr gehört, da erklärt Thielemann: „Die singen den Jungfernkranz vier Mal, man stuft das dynamisch ab – und am Ende merkt man, dass mit diesem Jungfernkranz ja auch etwas schief geht. Der Weber war ja raffiniert, er wiegt sie vier Strophen in Volksmusik ein, und dann stellst Du hinterher fest, das war alles nur Schmuh.“ Zu dumm, dass Voges das eigentliche Ende des Liedes in Hannover streicht.

Versuch, zu argumentieren

Ich versuchte, zu argumentieren. Was denn so falsch an der Aussage sei. Ob Volksmusik als Inspiration nicht wichtig für die Kunst sei, bei Verdi ebenso wie bei Weber? Und ob Lieder wie „Am Brunnen vor dem Tore“ nicht auch jene Rolle gehabt haben, überhaupt erst eine Nation zu gründen, einen demokratischen, deutschen Staat in Schwarz-Rot-Gold, der die Willkür monarchischer Einzelstaaten ablösen soll. Und ob es nicht auch darum im Freischütz ginge, das Erbrecht und den „Freischuss“ abzuschaffen und durch menschliche Werte, etwa die Liebe, zu ersetzten. Ja, ob Webers Patriotismus, die Hoffnung auf einen deutschen Staat, auf ein Deutschland der demokratischen Revolutionäre, auf einen Patriotismus, der auf Empathie, Liebe und Gemeinschaft setzt, nicht gerade heute ein Ideal wäre, ein Affront gegen genau jenen Nationalismus, den Voges nun als Erbschaft Webers auf die Bühne holt. Ich wollte wissen, ob es nicht viel aufrüttelnder wäre, die Sehnsucht der Gebrüder Grimm, Webers und anderer Intellektueller nach einem Rechtsstaat mit freier Presse, ohne Zensur und Wahlrecht für alle, einen Staat, mitten und mit Europa, eine Nation, die sich an der Französischen Revolution orientiert, als Gegenmodell zu jenem Dunkeldeutschland vorzustellen, das Voges in seiner Inszenierung lediglich der Lächerlichkeit preisgibt.

Und tatsächlich hat er irgendetwas geantwortet, was ich aber nicht ganz verstanden habe. Er hat noch einmal von der „Kreation der deutschen Nationaloper“ geredet und davon, dass er ferngesehen habe: die Bahnhöfe in Köln und Hamburg, die Kriege in der Welt, die Asylbewerber, Pegida – und dass man doch Position beziehen müsse und das Publikum zwingen müsse, ebenfalls Position zu beziehen. Dass es um die Frage ginge, wie wir wieder Eines werden können. Und ich glaube, dass er unter „Eines werden“ meinte, dass wir alle „seines“ werden sollten. Später im Publikumsgespräch hat er noch davon geredet, dass Weber Deutschland von anderen Staaten abgrenzen wollte – dabei war Deutschland zur Zeit des Freischützes doch nicht einmal gegründet.

Blieb die Frage, warum Frau Kamensek auf all diese Fragen nicht antworten wollte. Der Intendant erklärte lakonisch: „Weil sie doch keine Interviews gibt.“ Erst dann wurde mir klar: Die Dirigentin hat gar nicht gegen Thielemanns Thesen Einspruch erhoben, sondern gegen das Regiekonzept von Kay Voges. Dass sie das Schild hochhalten durfte, sei ein „demokratischer Prozess“ gewesen, erklärte mir der Intendant noch, „dafür steht unser Haus.“ Um so bedauernswerter, dass Kamensek in unserer geselligen Runde im Intendantenzimmer leider keine Stimme hatte.

Meine Idee war es, die Inszenierung von Voges – allein, weil es sich gut anfühlen würde – einfach gut zu finden. Aber, sorry: sie hat mich endlos gelangweilt. Voges Assoziations-Karussell bewegt sich im Neonlicht der Platitüden: Er hört Deutschland und zeigt Pegida. Er Hört Carl Maria VW und stellt einen Käfer auf die Bühne. Er hört Wolfsschlucht und zeigt die Protagonisten der Wolfsschanze. Er hört die Angst eines Mannes vor dem Freischuss und denkt an Kastration. Er hört Agathes Traumarie und denkt an braune Scheiße. Und: er klaut hemmungslos. Voges Freischütz ist mit Video-Installationen vollgekleistert, der Spielort, das Hotel „OkiDoki“ ist eine 1:1-Kopie von Castorfs Bayreuther „Rheingold“, und von dem hat er auch das Viedeoteam geklaut, das die Protagonisten in die stillen Kämmerchen verfolgt. Aber anders als der Volksbühnen-Chef, der durchaus weiß, wann Wagners Musik die Rampe braucht, wann die Selbstverwirklichung der eigenen Ideen mal demütig vor der Musik schweigen muss, schert Voges sich darum nicht: Er kleistert Webers Musik, die Stimmen seiner Sänger und das Orchester mit endlosen Videoschichten aus Blut, Sperma, Titten und Superdildos zu. Er lässt uns so viel Scheiße sehen, dass unsere Augen die Ohren verstopfen. Und das nennt er dann später im Publikumsgespräch „einen ganz neuen Zugang“. Nein, lieber Kay Voges – das ist Provinzregietheater von der Stange. Billiger Theateralltag an der Oberfläche zu kurzer Ideen und getrieben vom inneren Sigmund Freud.

Und was ist nun aus meiner Neben-Neben-Neben-Rolle in diesem ganzen Spektakel geworden? Sie ist leider ausgefallen! Der Produzent des Interviews hatte sich ebenfalls nach der Rechtelage erkundigt und darauf verwiesen, dass auch ein Stadttheater, das sich in Rechten an geistigem Eigentum eigentlich auskennen müsste, nicht im rechtsfreien Raum schwebt. Der Intendant in Hannover musste eine Unterlassungserklärung unterschreiben. Statt des Videos trat nun das Samiel-Sams in Ringel-T-Shirt auf und bat Christian Thielemann, ihm den „Jungfernkranz“ zu erklären. Und dann war in Hannover statt unseres Interviews nun eine Projektion zu sehen, die einen toten Youtube-Kanal zeigt: „Dieses Video ist in ihrer Oper nicht verfügbar. Learn more.“ Das Sams ist erstaunt, will den Intendanten sprechen. Und der meldet sich tatsächlich aus dem Off. „Herr Thielemann hat heute angerufen“, sagt er, „er hat gesagt: Volksmusik ist Kunstmusik“. Und dann tanzen die Wildecker Herzbuben ihr „Jungfernkranz“-Ballett. Spätestens da fand ich es gar nicht mehr so schlimm, dass meine unfreiwillige Neben-Neben-Nebenrolle in Kay Voges „Freischütz“ nun wieder ad acta gelegt ist.

 

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Kommentare

  1. Hans
    8. Januar 2016 at 13:11

    Brüggi 4 eva. Danke für Alles!

  2. 8. Januar 2016 at 17:57

    Dank Samiel-Brüggemann! Sechse treffen, sieben äffen!
    Bravo, was für ein spannender Bericht! Wahrscheinlich tausenmal spannender als diese Hannoversche Freischütz-Inszenierung.
    Schade, dass der Regisseur Harry Goldschmidts Essay “Die Wolfsschlucht – eine Schwarze Messe?” nicht kennt. Da wird musikalisch wirklich Spannendes analysiert – ganz aus der genialen Partitur Webers heraus…
    Und zum Thema “Volksmusik – Kunstmusik” sei den lustigen Hannoveranern die niederdeutsche Freischütz-Parodie “Der Hamburger Freischütz oder De Bruutschuss” empfohlen (UA an der Hamburgischen Staatsoper 1978). Übrigens auch auf youtube.com zu finden…

  3. 9. Januar 2016 at 06:51

    https://www.youtube.com/watch?v=pdBJhLcdax4
    De Hambvurger Freischütz oder De Bruutschuss

  4. Michael Klein
    10. Januar 2016 at 20:42

    Ich bin Linksaktivist und ich kämpfe schon seit Jahren gegen FAschismus, REchtextremismus, gegen Ausländerfeindlichkeit, Hass gegen Muslime, Mietervertreibung durch Miethaie etc. etc. etc.! Aber wenn ich in die Oper gehe, dann möchte ich mich auch mal entspannen und berühren lassen von einem wunderbaren Bühnenbild und wunderbaren Sängern, die nicht nur gut singen, sondern auch ihren Rollen Leben und Ausdruck verleihn. Wenn man die derzeitigen Probleme des starken REchtsrucks in unserem Land thematisieren möchte, da gibt es moderne Opern, die dafür viel besser geeignet sind z.B. “Sophies Choice” oder “Der KOnsul” von Menotti.

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