“Weltpremiere”: Matthäuspassion in neuem Glanz

(Foto: Harmonia Mundi)

Bachs Matthäus-Passion gibt es hundertfach auf CDs und Schallplatten. Doch so, wie sie nun die Akademie für Alte ­Musik Berlin unter Leitung von René Jacobs eingespielt hat, war sie noch nie zu hören. Crescendo sprach mit dem Ton­ingenieur, Martin Sauer, über eine völlig neue
Hörerfahrung.

Der frühere Teldec-Toningenieur Martin Sauer nahm sich 2002 eines Aufnahmestudios in Berlin an, in dem jahrzehntelang Einspielungen für Telefunken und Teldec mitgeschnitten wurden. Seit einem Umbau im Jahr 2003 ist das Studio als teldex-Studio bekannt. Es gilt als Deutschlands erste Adresse für klanglich herausragende Klassik-Aufnahmen. Als das französische Label Harmonia Mundi für eine Neuaufnahme der Matthäus-Passion von Johann Sebastian Bach eine geeignete Aufnahmeumgebung suchte, war das teldex-Studio erste Wahl. In was für einer revolutionär neuen Klangästhetik das Werk dort verwirklicht wurde, hätte sich aber wohl auch das Label nicht in seinen kühnsten Träumen ausgemalt.

Crescendo: Herr Sauer, erklären Sie unseren Lesern bitte, was genau so revolutionär an der neuen Aufnahme der Matthäus-Passion aus dem Hause Harmonia Mundi ist!
Martin Sauer: Die Matthäus-Passion ist ein doppelchöriges Werk. Chor und Orchester sind geteilt in zwei Gruppen. Der erste und zweite Chor, wie Bach das bezeichnet hat, sind bei Konzerten in aller Regel etwa gleich groß besetzt und zwar links und rechts vom Dirigenten positioniert. Für Stereo-Aufnahmen hat das die frustrierende Folge, dass man eine Arie aus Chor eins minutenlang nur aus einem Lautsprecher hört. Wirklich schön klingt es also nur, wenn beide Gruppen gleichzeitig musizieren, und das kommt in Bachs Werk nur bei einer begrenzten Anzahl von Stücken vor.

Und was haben Sie anders gemacht?
Mit René Jacobs wollten wir von dieser starren Links-Rechts-Fixierung wegkommen. Dafür lag uns eine wissenschaftliche Untersuchung vor, die besagte, dass die einstige Uraufführung der Passion in der Leipziger Thomaskirche mit einer Aufstellung stattgefunden hat, in der es keine Links-Rechts-, sondern eine Vorn-Hinten-Aufstellung gab. Vorne, auf der großen Orgelbühne, stand ein relativ großes Ensemble, hinten auf einer kleinen Orgelbühne spielte ein kleineres Ensemble. Im teldex-Studio haben wir nun ebendiese Aufstellung zum allerersten Mal überhaupt nachvollzogen.

Warum haben Sie die Matthäuspassion nicht gleich in der Thomaskirche einspielen lassen?
Die hintere, kleinere Orgelbühne ist schon zu Bachs Lebzeiten abgerissen worden. In der Thomaskirche hätte man die Aufstellung also nicht nachvollziehen können. Außerdem müssen Sie sich vorstellen: Die zwei Chöre stünden in einer Kirche ungefähr 30 Meter auseinander. Das mag für Konzerte irgendwie klappen, aber für ein Aufnahmeprojekt würde das immense Schwierigkeiten mit sich bringen. Im Studio, dessen akustische Gegebenheiten wir bestens kennen, haben wir alle Möglichkeiten, um optimal mikrofonieren zu können und die Musiker in der akustisch besten Art und Weise zu positionieren.

Ist denn die Vorn-Hinten-Aufstellung bei einer Stereo-Aufnahme überhaupt darstellbar?
Darüber haben wir uns viele Gedanken gemacht. Die Einspielung liegt ja auf SACD vor, also im Surround-Verfahren, so dass es bei der mehrkanaligen Art der Wiedergabe mit dem räumlichen Klangeindruck keine Probleme gibt. Das bietet sich einfach an. Für die normale CD-Stereo-Spur, die ja auch auf der SACD enthalten ist, gab es mit einer solchen Anordnung der Musiker weniger Erfahrungswerte. Wir haben einfach ausprobiert, wie es am besten funktioniert. Dabei kam es uns zugute, dass auch die Probenphase des Orchesters und der Sänger bei uns im Studio stattfand.

„Studio“ meint in Ihrem Fall ja auch nicht das, was wir von Pop- und Jazzmusikstudios her kennen, also relativ kleine, schallgedämmte Räume ohne eigene Akustik.
Auf keinen Fall! Das teldex-Studio ist ein richtiger Konzertsaal, nur ohne Publikum. Er misst 450 m2, und wir haben die Musiker hier wirklich gegenüber aufgestellt, mit René Jacobs als Dirigenten in der Mitte – natürlich nicht 30 Meter auseinander, sondern vielleicht fünf Meter. Doch man kann auf der resultierenden Aufnahme ganz klar hören: Es gibt ein kleineres Ensemble hinten, das etwas weiter weg ist, und eines vorn, das größer und näher dran ist. Außerdem sind beide Gruppen punktsymmetrisch aufgestellt. Das heißt: Der Dirigent ist ein Spiegelpunkt. Dort, wo bei dem ersten Chor die Geigen links sitzen, sind sie beim zweiten Chor rechts aufgestellt. Auch wenn beide Gruppen gemeinsam spielen, hört man also die Unterschiede zwischen hinterem und vorderem Ensemble.

Wie haben die Musiker reagiert?
Ich dachte erst, es wird bestimmt ein großes Geschrei geben, weil die Aufstellung so ungewohnt und unkonventionell ist. Aber das Gegenteil war der Fall: Wie begeistert alle von diesem Klangerlebnis waren, können Sie am besten auf der Filmdokumentation über die Aufnahmen sehen, die als DVD der Einspielung mitgegeben ist.

Wie rechnen sich solche Aufnahmeprojekte in einer Zeit, in der der Trend weniger zu hochwertiger Hifi-Technik geht, als vielmehr dazu, möglichst viel Musik mit möglichst wenig Speicheraufwand stets und ständig mit sich herumzutragen?
Ich bin fest davon überzeugt, dass das Publikum für diese Matthäus-Passion groß genug ist, damit sich das Projekt auch rechnet. Sicher: Wer Bach auf seinem Telefon hören will, kann das zwar auch mit unserer Einspielung tun, kauft sich aber vielleicht eher etwas anderes. Doch täuschen Sie sich nicht: Der Trend geht auch wieder in Richtung Qualität. Viele Menschen erkennen gerade, dass die CD qualitativ betrachtet historisch ist. Das ist eine 30 Jahre alte Technologie! Heute sind wir in der Lage 1:1 die klangliche Auflösung des Studiomasters ins Wohnzimmer zu transportieren. Das geschieht entweder über Medien wie SACD oder Blu-ray-Audio oder über den Download der 96 khz, 24-bit-Version, die über die Website des Labels zu beziehen ist. Ich persönlich bin ein Fan von physischen Tonträgern, schon allein, weil es in dem Dorf, in dem ich wohne, gar keine Internetleitung gibt, die schnell genug für einen HD-Download wäre. Aber ich bin zuversichtlich, dass gerade die jüngsten Entwicklungen im Internetsektor qualitativ einen Sprung nach vorn bedeuten werden, keinen Schritt zurück.

Akamus: Matthäus-Passion Bwv 244
Harmonia M (Harmonia Mundi)
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