Wien – aus der Sicht eines Concierges

Wer die Welthauptstadt der klassischen Musik bereist, sollte eine Melange mit Michael Moser schlürfen. Denn der Concierge des Imperial Hotels kennt nicht nur jeden Dirigenten, er kann auch seltene Karten besorgen.

Foyer des Wiener Hotel Imperial, an einem sehr gewöhnlichen Freitag Nachmittag. Man stellt Michael Moser, dem illustren Concierge gerade ein paar Fragennach den wichtigen Menschen, die heutzutage in den Gängen des Imperial Hotels anzutreffen sind, als ein dunkelhaariger Mann dazwischen funkt und seinen Schlüssel verlangt, sich anschließend aber dezent Richtung Aufzug bewegt, um in seinem iPhone eine bestimmt bedeutungsvolle SMS zu lesen. Dann schließen sich die Türen des edlen, goldenen Aufzugs im Salonund Josef Ackermann schwebt mit Schweizer Gemütlichkeit in seine Suite im dritten Stock. Moser, der schon den japanischen Kaiser, Bill Clinton und Lady Gaga im Foyer begrüßte, beeindrucken solche Geldmenschen weniger. Sein Herz schlägt für die klassische Musik, deshalb lautet seine Antwort, wer denn gerade im Haus sei, nicht Ackermann, sondern Barenboim. Und klar, Moserkennt Barenboim, oder besser: Daniel Barenboim kennt Michael Moser, denn meistens wollen die prominenten Dirigenten eher etwas von ihm als andersherum, und wenn es nur ein kleiner Plausch nach einem späten Konzert ist. Man könnte auch sagen: Moser, der Seelsorger der hektisch umherreisenden Künstler. Warum so gut wie alle großen Dirigenten im einstigen Wohnhaus des Erzherzogs Philipp von Württemberg (1838 bis 1917) absteigen, mag zum einen am wunderschönen Ambiente des barocken Gebäudes liegen. Der entscheidendere Faktor aber, das würde auch der Direktor zugeben, sei die Lage. Wenn man auf der Rückseite das Hotel verlässt, stolpert man quasi in den Bühneneingang des Wiener Musikvereins, der Kathedrale der klassischen Musik. Moser verarztet noch kurz einen weiteren Gast, der nicht nur aussieht wie der Dirigent Christoph Eschenbach, sondern es auch ist, und bittet in den „Meetingraum“ im edlen Café, dem Raum, der bei Musikinsidern als Mannschaftsheim der klassischen Musik gilt. Wer einmal neben Barenboim, Harnoncourt oder Muti seine Melange genießen will, der bucht sich an einem Sonntag Morgen einen Tisch rechts neben dem Eingang. Um 10.25 Uhr, 35 Minuten vor Beginn der weltberühmten Matinee des Musikvereins, versammelt sich links allwöchentlich die Haute Volée der „Wiener Klassik“ zum gemeinsamen Frühstück. Intendanten, Dirigenten, Sponsoren, Politiker, Adelige und erste Geiger natürlich. Wir sitzen jetzt an diesem ehrenwerten Tisch, das „weiß“ des gebügelten Tischtuchs blendet wie ein Scheinwerfer, an den Wänden hängen Bilder des Künstlers Moritz von Schwind. Moser sagt, die Matinee sei noch immer die Schlossallee unter den Wiener Konzerten, auf ein Abo warte man über zehn Jahre und die Bestechungsversuche zahlreicher Bewohner seien alle zwecklos geblieben. Der Musikverein scheint in Österreich eine der wenigen Vereinigungen zu sein, die nicht im grauen Dunst der Mauschelei unterzugehen drohen. „Ja, schön, nicht,“ grinst Moser, der ursprünglich aus Kärnten stammt und sich an einem Freitag Abend gerne auf einem günstigen Stehplatz eine Aufführung an der Staatsoper gönnt. Moment: Der Herr aller VIP-Tickets und Freund aller klassischen Musikstars leistet sich nur einen Stehplatz? „Ich kann doch nicht vor meinen Gästen sitzen, geh, wie sieht das denn aus? Ich bin ja nur der Concierge hier.“ Schon als junger Student sei er immer hinüber spaziert, in die große Oper, und habe sich ein Stehplatz-Kärtchen an der Abendkasse geleistet, warum das also jetzt ändern? Dabei könnte er, wenn er wollte, wahrscheinlich einen Platz im Orchestergraben bekommen. Riccardo Muti kam nach dem traditionellen Neujahrskonzert 2004 ins Hotel zurück und suchte seinen Lieblingsconcierge, um ihm zur Feier des Tages seinen Dirigentenstab zu schenken. „Sowasfreut einen natürlich schon,“ sagt Moser. Aus seiner Jackentasche kramt er noch eine Ansichtskarte hervor, die ihm Carlos Kleiber einst sandte. Was auffällt, ist nicht die Tatsache, dass der Inhalt eher spartanisch ist, sondern Kleibers unglaublich kindliche Schrift. Und wohin gehen sie jetzt in Wien zum Dinner, die hohen Herren, will man natürlich wissen, aber Moser winkt da eher ab. „Die Dirigenten, die sieht man auf einen Drink in der Hotelbar oder sie müssen zu einem organisierten Empfang danach. Meist bestellen sie den room service, wenn sie einmal einen Abend frei haben.“ Und die anderen Gäste? Wohin geht der gut situierte Gast nach der Oper? „Ach“, sagt Moser, „da ist es ja dann auch schon spät. Wissens, das ist irgendwie ziemlich gleich geblieben in den vergangenen Jahren: Die Leute wollen etwas, das um die Ecke liegt.“ Bei der Oper ist das die Albertina, das Korso und die Loos Bar. Aber an solchen Orten ist es natürlich auch immer sehr touristisch. Deshalb schickt er uns für den Abend in den hübschen 7. Bezirk, zum Restaurant Prinz Ferdinand, einem gemütlichen Wiener Lokal, nicht überkandidelt, aber mit gutem Essen zu angenehmen Preisen. Ein Lokal, das man guten Gewissens weiterempfehlen kann. Auch am nächsten Morgen steht Moser wieder an seinem Desk. Er fragt höflich, ob man ein Buch über Gustav Mahler vermissen würde. Ein Taxifahrer habe es im Imperial abgegeben, einfach aus dem Grund, weil er, der Taxifahrer, sonst in keinem anderen Haus jemanden vermuten würde, der ein Buch über Gustav Mahler mit sich herumschleppt. Dann verschwindet Moser kurz hinter seinem Concierge-Vorhang und kehrt mit einem anderen, noch viel größeren Buch zurück: Dem Gästebuch. Puh, was für Namen! John F. Kennedy, Liz Taylor und Richard Burton, Kaiser Akihito, Plácido Domingo, José Carreras, Birgit Nilsson, Rudolf Nurejew und natürlich Herbert von Karajan haben ihre Widmungen hineingeschrieben oder auch einfach nur ihren Namen. „Jaja, der Karajan“, sagt Moser, „wussten Sie, dass es in Österreich eigentlich keine Adelstitel mehr gibt. Also kein `von´und `zu´ zwischen den Namen, aber der Karajan, der hat es geschafft, dass man ihm das `von´ im Namen ließ.“ Selbst den Otto von Habsburg, den vertriebenen Kaiser-Enkel, habe man als Dr. Otto Habsburg beerdigt, da ist der Österreicher streng. Herbert von Karajan gehörte natürlich zu den Stammgästen des Imperial, „er hat sogar einen eigenen Schlüssel vom Imperialbesessen, damit er zu jeder Tages- und Nachtzeit durch den Hintereingang ins Haus kommen konnte“, erinnert sich der Concierge. Viele Gäste des Imperial sind Musikfans und umgekehrt. Das Haus verfügt über ein eigenes Kartenbüro und Moser, der Concierge, hat natürlich immer einen guten Draht zu Veranstaltern, denen er im Sonderfall auch kurzfristig noch ein paar Tickets abluxen kann. Das gleiche gilt natürlich auch für Restaurants oder exklusive Ausstellungen. Für den Samstag Abend empfiehlt er zum Dinner das Gasthaus Zum Schwarzen Kameel, eines der Wiener Restaurants, in denen man einmal gegessen haben sollte. Warum es Schwarzes Kameel heißt? Im Jahr 1618 erwirbt Johann Baptist Cameel das traditionsreiche Restaurant hinter dem Café Meinl am Graben und nennt es fortan Schwarzes Kameel, so einfach ist das. Ludwig van Beethoven soll, so wird es überliefert, hier nur zu gerne sein Mittagessen eingenommen haben, 1825 wird das Haus sogar zum offiziellen Hoflieferanten geadelt. Die Begrüßung durch den langjährigen Maitre Johann Georg Gensbichler ist für Fremde aktuell etwas gewöhnungsbedürftig. Gensbichler trägt einen skurrilen Bart und sieht in seinem Kostüm aus wie ein ausgehungerter Johann Sebastian Bach. Am Nachbartisch löffelt schon der ehemalige amerikanische Botschafter in seiner Suppe, seine Begleitung spricht in der Lautstärke eines kompletten Sinfonie- Orchesters. Gensbichler serviert Wiener Spezialitäten, dazu Weine aus der Heimat. Man kann bei keinem Gang irgendetwas aussetzen. Auch die Stimmung im Lokal bessert sich mit jedem Glas, die anderen Tische passen sich der Lautstärke der Amerikanerin an und verwandeln das kleine Restaurant nun in ein furioses Mahler-Konzert. Natürlich kennt auch Gensbichler den Concierge Moser: „Klar, er ruft immer an und möchte einen Tisch. Dann sage ich, kein Problem, in drei Wochen geht was, und dann sagt der Moser, nein nein, er braucht ihn natürlich heute!“ Aber Wien ist nicht nur ein Hotel, ein Musik- verein und das Schwarze Kameel. Wien ist musikalische Geschichte (mit Läden, die viele originale Autographen verkaufen, wenn sie nicht schon von Wien-Bewohner Rudolf Buchbinder vereinnahmt wurden), gepaart mit einer noch sehr agilen Live-Musik-Kultur. In der Schlosskapelle Schönbrunn beispielweise finden das ganze Jahr über Konzerte statt, es gibt die Donaucitykirche, das Radio- Symphonieorchester, dessen Aufführungen im Konzerthaus an der Lothringer Straße stattfinden, das RadioKulturhaus des ORF in der Argentinierstraße, den Echoraum und eine Vielzahl kleinerer Kammermusik- und Jazz-Bühnen, die man am besten über die Internetseite des Kulturreferats der Stadt Wien findet. Oder man bleibt an einem Samstag Abend einfach dem Pianospieler der Imperial Bar treu und wartet, bis die Meute sich gegen elf um die wenigen Sessel streitet, das Glas Champagner für 19 Euro zwar, manchmal aber eben neben einem echten Harnoncourt.

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