“Wir dürfen das Heiligtum nicht verraten”

Der Musikkritiker Joachim Kaiser ist tot. Hier erinnert sich unser Kolumnist an die wichtigsten Botschaften des Kritiker-Papstes und versucht, sein Vermächtnis zu beschreiben.

Von Axel Brüggemann

Beim Tod einiger weniger Menschen stirbt viel mehr als ein Körper, ein großer Geist, eine Erscheinung. Der Tod einiger weniger Menschen definiert auch das Ende von etwas viel Größerem. Mit ihnen stirbt eine Ära, eine Zeit – ein Zeitgeist. Der Tod des Musikkritikers Joachim Kaiser ist so ein außerordentlicher Tod. Ein Ende, das uns gleichsam das Ende von etwas anderem bewusst macht, das es so wohl erst einmal nicht mehr geben wird. Der Tod von Joachim Kaiser macht uns menschlich betroffen, lässt uns trauern und lässt uns sanft erinnern: einen Menschen, der nicht allein die Musik, sondern auch das Leben liebte, der uns inspirierte, zuweilen gar erhoben hat, immer wieder ermahnte, meist aber begeisterte.

Aber mit Joachim Kaiser ist nicht nur ein sogenannter „Großkritiker“ gestorben, eine Institution alten Schlags, ein musikalischer Begleiter großer Interpreten und uralter Komponisten. Mit ihm ist auch das Genre, für das er ein Leben lang stand, das er immer wieder neu bespielte, das er stets auf neue Ebenen und Medien übertragen hat, zu Ende gegangen. In den Redaktionen unserer überregionalen Tageszeitungen sitzen vielleicht noch einige dieser alten Musikkritiker, aber irgendwie scheint es, dass sie sich lediglich bis zu ihrem Ruhestand dahinkritisieren, dass ihre Wirkungskraft im gleichen Maße schrumpft wie ihr Ego wächst. Dass ihre Worte bissiger, ihr Wissen aber harmloser wird. Und es ist fraglich, ob die Redaktionen die Stellen ihrer Musikkritiker nach deren Pensionierung tatsächlich noch einmal neu besetzen werden – und vor allen Dingen, ob die Leser das überhaupt für nötig erachten. Die Musikkritik ist ein Dinosaurier, der sein eigenes Aussterben nicht zu spüren scheint, der sein eigenes Ende nicht wahrhaben will – vielleicht aus dem ganz profanen Grund, dass es erst die nächste Generation spüren wird. Joachim Kaiser war einer dieser Prachtexemplare der Dinosaurier, den wir bewundert, angehimmelt und bestaunt haben – immer und immer wieder!

Das Vermächtnis

Joachim Kaiser schien schon seit vielen Jahren um das Ende jener Gattung gewusst zu haben, die er als lebenslustiger Papst regierte: die musikalischen Kritik. In den letzten Jahren trat das ehemalige Mitglied der Gruppe 47, der Journalist der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ und der spätere Feuilletonleiter der „Süddeutschen“ kaum noch öffentlich in Erscheinung. Sein Körper ließ es einfach nicht mehr zu. Der Lebemann, der einst sagte, dass nur die Liebe und das Verliebtsein mindestens so erhebend seien wie die Musik, wurde lebensmüde. Trotzdem kämpfte er, solange er konnte, mit Mahnungen an uns Jüngere gegen das Ende seiner Zunft.

Das letzte Mal habe ich vor inzwischen sieben Jahren mit ihm telefoniert. Damals gab es noch den „Rheinischen Merkur“ – für ihn haben wir ein Gespräch der Generationen geführt. Kaiser war zu dieser Zeit längst milde gestimmt. Zuvor hatten wir schon einige Hahnenkämpfe miteinander ausgefochten – nun aber überwog das Interesse füreinander. Und er schrieb mir damals einige Dinge ins Stammbuch, die ich seither nicht mehr vergessen habe. „Wir müssen die Bildungsbürger stärken“, sagte er immer wieder, „der Bürger ist wichtig und Bildung etwas Schönes. Und wir müssen dafür sorgen, dass wir die Grundlagen kennen: Die Noten und die Tradition und die Form. Uns bleibt nichts anderes übrig, als inständig weiter zu machen und unaufhörlich zu versuchen zu begeistern.“ Am Ende sagte er noch etwas, das mich zunächst irritierte: „Wir müssen auch einsehen, dass wir nicht jeden erreichen können. Sie können Schüttelreime schreiben, werden aber niemanden, der keine Musikkritik lesen will, für ihren Text begeistern. Es ist also wichtig, dass wir das Niveau aufrecht erhalten!“ Hatte er Recht? Natürlich hatte er! Denn ein grundlegender Irrtum heutiger Klassik-Vermittlung ist der Glaube, jeden erreichen zu können und damit das Niveau, die Freude am Tiefsinnigen, den Eros des Wissens zur Disposition zu stellen.

Dennoch hat auch Joachim Kaiser ein Leben lang versucht, so viele Menschen wie möglich zu erreichen und für seine Liebe, die klassische Musik, zu begeistern. Sein Ziel war es lediglich, dabei nie an Niveau zu verlieren. „FAZ“, „Süddeutsche“, klar – der „Klavier-Kaiser“, der „Klassik-Papst“, einer, dessen Wort zählte, dessen Wort den Plattenfirmen, den Managern und Musikern viel Wert war, einer, der sich von ihnen allen gern auch aushalten ließ – aber das Aushalten nur selten auf sein Wort wirken ließ. Vor allen Dingen aber war Joachim Kaiser einer, der die Ausweitung der Klassik-Zone schon früh als Auftrag begriffen hat. Kaiser war sich nicht zu schade, in der „Bunten“ eine Kolumne zu schreiben. Eine, wohlgemerkt, die jeder „Bunte“-Leser verstand und mit der er sich selber als Instanz in keinem Buchstaben demontierte. Kaiser plauderte für „Klassikradio“ und nahm sogar einige Blogs für die „Süddeutsche“ auf, in denen er Leserfragen beantwortete – seine Fans hingen ihm bei all dem an den Lippen, und Leute, die ihn gar nicht kannten, dachten: Der Mann scheint zu wissen, wovon er spricht. Selbst wer Joachim Kaiser nicht verstand, verstand, dass da jemand war, der verstand, worum es ging.

Der Neid der Spätgeborenen

Wenn man sich als jüngerer Kollege das Leben von Joachim Kaiser erzählen ließ, war man zuweilen geneigt, selbstmitleidig seine eigene, späte Geburt zu beweinen. Er lebte im goldenen Zeitalter der klassischen Musik: Der Landarzt-Sohn, der 1928 geboren wurde, der bei Carl Dahlhaus studierte, der von Adorno gefördert wurde, der in die Gruppe 47 eingeladen wurde und erst 2009 seine Korrespondenzen mit Adorno, Andersch, Bachmann, Bloch und Böll dem Literaturarchiv in Marbach übergab, vor allen Dingen aber jener Kritiker, der in der großen Ära der Klassik schreiben durfte, der Legenden traf, sich mit Meistern wie Celibidache zoffte und Newcomer wie Christian Thielemann verehrte, einer, der schrieb, als die Musik noch wirklich Teil der deutschen Bildungsbürgerlichkeit – und damit Teil des allgemeinen Selbstverständnisses – war. Aber auch, und das ist uns gleichsam Erinnerung und Vermächtnis, einer der wusste, wovon er schrieb. Einer, der seinen Kierkegaard ebenso kannte wie jeden Takt aller Beethoven-Sonaten, einer der die Historie Napoleons ebenso gefressen hatte wie Beethovens musikalische Verarbeitungen, einer für den klassische Musik niemals Tapete war sondern immer mitten in der Welt der Dinge stand, der Gedanken, der Systeme und der Menschen und ihrer Sehnsüchte.

Joachim Kaiser wusste, dass seine großen Zeiten vergangen waren. Er versuchte auch am Ende immer wieder, die neue Zeit mit alten Mitteln zu bespielen und das Alte in die neue Welt der Medien zu retten – aber dafür fehlte schließlich der Atem. Dafür hatte er zu lange in der guten alten Zeit gelebt, um die wir ihn heute beneiden. Eine Zeit, die wir auch mit ihm zu Grabe tragen.

Joachim Kaisers Tod lässt uns auf vielfache Weise nachdenklich werden. Einen wie ihn wird es heute nicht mehr geben. Ein Meister darin, seine eigenen Überzeugungen immer wieder in neue Gefäße zu verpacken, seiner Begeisterung immer wieder neue Worte, Formen und Medien zu geben – und was für Worte das waren! In unserem letzten Gespräch sagte er über die Veränderung in der Musikkritik: „Wir haben die Sache damals noch ernst genommen. Wir konnten über Tonarten und Deutungsdetails und Fachbegriffe schreiben und waren sicher, das jeder Leser uns verstand. Heute sind viele Kritiker oberflächlich geworden, haben sich der Event-Kultur angepasst, und haben die Leidenschaft des klaren Gedankens verloren.“

Der Auftrag für die Zukunft

Mit dem Tod von Joachim Kaiser ist eine Ära zu Ende gegangen. Die Ära der puren, reinen und wahrhaftigen Musikkritik. Als Mahner aber ist der Mann, der nun mit 88 Jahren in München starb, lebendig. Er stellt uns Nachgeborenen vor die Aufgabe, seine Tugenden in die Medien unserer Zeit zu übersetzen. Eine Balance aus dem Eros des klaren Gedankens und den neuen medialen Gegebenheiten zu finden. Einer der letzten Sätze, die Joachim Kaiser mir sagte, war das Credo eines Klassik-Gläubigen: „Wir dürfen unser Heiligtum nicht verraten. Wir können von den Kirchen lernen, was wie auf keinen Fall tun dürfen: Wir dürfen unsere Botschaft nicht durch Anbiederung an die Massen verkaufen!“

Der Tod Joachim Kaisers ist das Ende der Musikkritik. Und die Aufforderung ihrer Neuerfindung aus alten Werten. Die Mahnung, nicht aufzugeben, den Mut zu haben, das Denken zu pflegen und die Tiefe als eigentlichen Genuss unserer musikalischen Leidenschaft ins Gespräch zu bringen. Mit Joachim Kaiser ist die Musikkritik gestorben. Es lebe die Musikkritik! Schade, dass wir ihn nicht mehr einfach anrufen können.

 

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