„Wir können doch nicht ganz Europa aufnehmen!“ – Oper mit Geflüchteten

Eine ganz andere Art der Stückeinführung ist es, als am 13. Januar 2017 fast zwei Dutzend Mitstreiter in München auf die Opernproduktion „Zaide“ in der Alten Kongresshalle einstimmen. Deutsche und geflohene Künstler aus Ländern von Afghanistan über Irak und Pakistan bis Syrien präsentieren Mozarts Singspiel-Fragment aus dem Jahr 1781 als Ergebnis eines außergewöhnlichen Teamworks: Erst singen sie zu Gitarrenklängen ein Lied namens „Heimatland“. Dann erklärt Initiatorin Cornelia Lanz die Hintergründe des multikulturellen Projekts, das ein fiktives, klassisches Werk mit authentischen, aktuellen Geschichten entwurzelter Menschen verwebt. Schließlich macht die Grünen-Politikerin und Vize-Präsidentin des Deutschen Bundestags Claudia Roth als besonderer Gast klar, dass „Zaide. Eine Flucht“ für sie als Kombination aus „Engagement und Kunst“ eine „Friedensoper in unfriedlichen Zeiten“ sei.

Auf der Bühne des 60er Jahre-Saals bildet der Umsprungs-Plot anschließend zwar die Basis des Geschehens: Ein junges Paar flieht zu Mozart-Klängen des Kammerorchesters, weil es sich in seiner Heimat nicht lieben kann. Davon abgesehen geht die Inszenierung eigenwillige Wege. Sowohl die weibliche als auch männliche Hauptrolle sind auf drei Personen unterschiedlichster Nationalitäten verteilt. Um sie herum formiert sich ein Chor mit Sprechern und Sängern aus sechs Herkunftsländern zu immer neuen Bildern; aus ihm werden wiederholt einzelne Stimmen laut, um von Angst, Erschöpfung und Schlaflosigkeit auf dem Weg in ein vermeintliches Paradies zu berichten. Der zweite Teil überrascht mit einem Orts- und Perspektivwechsel in fiktive „Vereinigte Arabische Staaten“, wo Zaide und Gomatz als Exil-Deutsche auf Argwohn sowie Ablehnung stoßen und mit Kommentaren konfrontiert werden wie „Wir können doch nicht ganz Europa aufnehmen!“. Welches Schicksal den Liebenden beschert ist, bleibt am Ende offen – einerseits, weil Mozart sein Stück nicht fertig schrieb, andererseits, weil reale Flüchtlinge jahrelang in einer Situation der Ungewissheit leben müssen. So auch der Afghane Ahmad Shakib Pouya, der als Musiker bei „Zaide“ mitspielt, obwohl ihm genau in dieser Zeit nach sechs Jahren gelungener Integration die Abschiebung droht.

Pouya, dessen Schicksal zahlreiche Unterstützer mobilisierte, ist kein Einzelfall: „Fluktuation in unserem Ensemble ist normal, weil einige der Flüchtlinge in ihre Heimat zurück müssen, umziehen oder einen Job bekommen“, erklärt Cornelia Lanz. „Außer ihnen braucht es Profis, die die Produktion tragen.“ Dazu gehört in München sie selbst als ausgebildete Mezzosopranistin, Bariton Kai Preußker, Dramaturgin Dana Pflüger, Tenor Onur Ertür oder Dirigent Gabriel Venzago. Doch egal ob Laie oder Könner: Jedes Teammitglied hat die Möglichkeit, seine Fähigkeiten einzubringen. Und das in sich verändernden Konstellationen. Bei der Premiere von „Zaide“ in Augsburg im August 2015 gab es teilweise andere Mitstreiter als bei der Münchner Fassung, die Anfang 2017 drei Mal zu sehen war und von Studenten der Ludwig-Maximilians-Universität in einem mehrmonatigen Seminar organisatorisch begleitet wurde. 2016 entstand bei einer ähnlichen Kooperation mit Flüchtlingen „Idomeneo“ in Ludwigsburg, 2014 „Così fan tutte“ in einem ehemaligen Kloster bei Stuttgart.

Konstante war und ist Cornelia Lanz als „Mutter“ jeder Produktion, die Gelder bei Sponsoren, Institutionen und Stiftungen akquiriert, ihr weit verzweigtes Netzwerk spielen lässt und alle Fäden in der Hand hält. „Polit-Oper ist mittlerweile mein Ding geworden“, erklärt die 1981 Geborene. „Mit der Zeit bin ich klarer in meiner Haltung geworden, weil sich die Lage erst durch die Öffnung der Grenzen, dann durch Gegenmaßnahmen zugespitzt hat.“ Mozarts Kompositionen versteht sie als willkommene Brücke für Völkerverständigung und Friedensarbeit, den Entstehungs-Prozess aller Stücke als gegenseitiges Geben und Nehmen nach der Devise „Bühnenbau gegen Sprachkurs, Übersetzen gegen Patenschaften“. Als Rahmen für ihre Arbeit hat sie mit anderen den Verein Zuflucht Kultur e.V. für interkulturelles Miteinander gegründet. „Ich freue mich, mit den Opern Zeichen setzen zu können“, resümiert sie zufrieden. Belohnung für ihren Einsatz seien das große mediale Echo, Preise und Einladungen ins In- und Ausland, z.B. im Sommer an den Theatern Freiburg und Düren mit „Zaide“ oder Ende August 2017 mit „Idomeneo“ zum Lucerne Festival. Ihr Geld verdient Cornelia Lanz weiterhin als Sängerin mit „normalen“ Auftritten zum Geldverdienen: „Es ist richtig, Musik auch nur um ihrer selbst willen zu machen. Kürzlich habe ich mich allerdings bei einer ‚Carmen‘-Aufführung gefragt, warum die nicht im Sinti- und Roma-Milieu spielt.“

Antoinette Schmelter-Kaiser

Share

Kommentieren Sie diesen Artikel

*

*

Ihre Email-Adresse wird nicht publiziert. Pflichtfelder sind markiert mit *