Woher kommt eigentlich… das bekannteste Kirchenlied zur Passionszeit?

Guido Reni (1575 - 1642): Christuskopf mit der Dornenkrone

„Vor Freude will ich singen, weil’s mir jetzt tut gelingen“, dichtete einst der Uhrmacher und Komponist Hans Leo Haßler aus Nürnberg. In der Tat gelang ihm eine Melodie, die auch nach seiner Zeit wieder und wieder auftauchen sollte.

1601: Haßler, „größter deutscher Musiker seiner Zeit“, hatte soeben ein Patent für einen von ihm gebauten Musikautomaten bekommen, da veröffentlichte er in seinem „Lustgarten neuer deutscher Gesänge“ ein mehrstimmig gesetztes Liebeslied voll Liebesleid mit dem Titel Mein G’müt ist mir verwirret. Die für die Verwirrung verantwortliche Person wurde darin auch gleich erwähnt: „Das macht ein Jungfrau zart“.
Durch einen neuen Text wurde aus dem weltlichen Lied ein geistliches. Das „verwirrete G’müt“ hieß bald schon „Herzlich tut mich verlangen nach einem sel’gen End“ und erschien in einem Liederbuch namens Harmoniae sacrae.

1656, der Dreißigjährige Krieg war erst ein paar Jahre vorüber, übertrug der Pfarrer und Theologe Paul Gerhardt Verse von Arnulf von Löwen (1200–1250) und machte aus Salve caput cruentatum das Haupt voll Blut und Wunden. Stand ursprünglich das Leiden Schaffen der Liebe im Zentrum, wurde die Melodie nun zum Passionslied.

Johann Sebastian Bach hat in jungen Jahren mit der Oper geliebäugelt. Wäre er den Weg seines Zeitgenossen Händel gegangen, „wäre er unbedingt zum größten Opernkomponisten seiner Zeit geworden“, sagt der Dirigent Nikolaus Harnoncourt.

Bach aber war im Kirchendienst und versah sein Bibelexemplar mit zahllosen Anmerkungen und Notizen. Er gab sich dem Spirituellen in der Musik hin, schuf ein einzigartiges sakrales Werk und schenkte der Musikgeschichte Momente der Ewigkeit wie seine Matthäus-Passion (1727), das Weihnachstoratorium (1734) oder seine Kantaten. In der Matthäus-Passion bestimmt Haßlers Melodie gleich fünf Choräle, einer davon das berühmte O Haupt voll Blut und Wunden. Doch der gläubige Komponist macht Unglaubliches daraus und vereint in der Passion alle musikalischen Formen seiner Zeit. In seinem Weihnachtsoratorium, worin er viele seiner bereits komponierten Werke in neuem Gewand aufleben lässt, ist die besagte Melodie in zwei Chorälen zu hören.

Johann Gottlieb Janitsch (1708–1763) war „Erster Capell-Bedienter“ am Hof Friedrichs des Großen. Seine Quartette seien noch zur Zeit die besten Muster dieser Art, rühmte ein Kollege damals. Eines dieser Quartette für Oboe, Violine, Viola und Basso continuo ist die Sonata da Camera, auch bekannt als O Haupt voll Blut und Wunden.

Eben jener König Friedrich, für den Janitsch musizierte, betätigte sich auch als Flötist und Compositeur. Er war es, der Bach höchstselbst ein Thema vorgab, damit dieser darüber fugiere, improvisiere und ihm so ein musikalisches Opfer brächte. Das später fertig komponierte „Opfer“ widmete Bach dem König „allerunterthänigst“, ohne von ihm je ein Dankeswort, geschweige denn ein Honorar bekommen zu haben.
Etwa hundert Jahre nach Bach löste Felix Mendelssohn Bartholdy mit einer von ihm überarbeiteten Wiederaufführung der Matthäus-Passion eine Renaissance des fast vergessenen Komponisten aus. Beeindruckt von der Kraft dieses Werkes schrieb er ebenfalls eine Kantate mit dem Titel O Haupt voll Blut und Wunden, in der er wiederum die Melodie und Bachs Bearbeitungen variiert.

Als Franz Liszt zum Katholizismus übertrat und Abbé wurde, schrieb er die Abhandlung Über eine zukünftige Kirchenmusik und verschrieb sich der geistlichen Musik. Vierzehn Stationen des Kreuzweges vertonte er und nannte das Werk Via crucis. Die sechste Station geleitet den einst protestantischen Choral in die katholische Kirche.

Der Singer-Songwriter Tom Glazer aus Philadelphia kreierte aus der bekannten Melodie dann im Jahr 1940 die Folkballade Because All Men Are Brothers, bekannt geworden durch den unverkennbaren Harmoniegesang der Folkgruppe „Peter, Paul and Mary“.

1973 wählte das amerikanische Musikmagazin „Rolling Stone“ O Haupt voll Blut und Wunden zum Song des Jahres: Paul Simon hatte die Melodie für sein Lied American Tune genutzt. Diese amerikanische Melodie, in England aufgenommen, war eigentlich eine deutsche, spielte nun aber vor dem Hintergrund des Vietnamkriegs unter der Präsidentschaft Nixons. Die Melodie Haßlers wurde wieder zu einem weltlichen Lied.

Würde man alle Varianten hören wollen, hätte man „keine Ruh bei Tag und Nacht“, wie es in Mozarts Figaro heißt – auch dies eine Zeile aus dem eingangs erwähnten Liebeslied Mein G’müt ist mir verwirret. Hier heißt es: „Hab Tag und Nacht kein Ruh“.

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