Woher kommt eigentlich… das Echo?

Johann Sebastian Bachs Echo-Arie ist eines der prominentesten  Beispiele für das Echo in der Klassik – dabei hat er sich selbst kopiert!

Die Kolumne an dieser Stelle erzählt von musikalischen Ideen und ihrem Echo in der Musikgeschichte. Diesmal soll es um das Phänomen selbst gehen: „Holla, welch gutes Echo! Rufet es an, versucht es!“, tönt es im berühmten Echolied von Orlando di Lasso (1532–1594).

Was wa(h)r, wird gern wiederholt, denn Bewährtes will bewahrt sein. Der Widerhall des Echos ist eine abgewandelte Wiederholung dessen, was vorher war. Eine mythische Variante erzählt, dass die Bergnymphe Echo einst zuständig war, die Seitensprünge des Zeus vor seiner Frau Hera zu vertuschen. Echo sang also, gluckste, kicherte, erzählte und verwirrte fortwährend Heras Sinne. Nie gelang es Hera, ihren Mann in flagranti zu erwischen. Als sie dahinterkam, dass die Nymphe immer dann ihren Weg kreuzte, wenn sie Zeus suchte, verdammte sie die Nymphe zu verstummen. Von da an konnte Echo nur noch das zuletzt Verhallte wiederholen.

Echos in der Musik bleiben abgewandelte Wiederholungen, unabhängig davon, ob man sie Plagiate oder Zitate, Imitationen, Variationen oder Ehrerbietungen nennt. Von Beethoven bis Zimmermann, von Jazz, Pop bis hin zur sogenannten „Weltmusik“: Das größte Echo ist aber wohl das auf die Musik von Johann Sebastian Bach.

Bach selbst wiederholte häufig Eigenes in neuen Werken. 1734 präsentierte er seine Herkules-Arie Treues Echo aller Orten aus dem Vorjahr mit neuem Text und neuem Arrangement in seinem Weihnachtsoratorium: Flößt mein Heiland, flößt dein Namen. Man könnte daher sagen, diese berühmte Echo-Arie ist selbst ein „treues Echo“.

Doch auch J. S. Bach übernahm Musik seiner Vorgänger. So bearbeitete er beispielsweise Antonio Vivaldis Concerto Nr. 11 (Opus 3) aus dessen Sammlung L᾽Estro Armonico („Harmonische Eingebung“) für die Orgel (BWV 596). Er machte „meer“ aus Vivaldis Vorlage, ließ es sprudeln. Vieles, was „der rote Priester“ dem Interpreten überlassen hatte, führte Bach schwarz auf weiß aus. Lange glaubte man, es handle sich um ein Werk seines Sohnes Wilhelm Friedemann. Dieser hatte nach dem Tod seines Vaters den eigenen Namen aufs Papier gebracht. Insgesamt zehn solcher Konzerttranskriptionen hat Bach hinterlassen. Kaum verwunderlich, dass der Beginn seiner „Erfindung“ in F-Dur, der Invention 8 (BWV 779), dem Beginn von Vivaldis g-Moll-Streichkonzert (RV 153) ähnelt.

1803 mag es Beethoven wie Bach mit seiner „Erfindung“ ergangen sein, als er seine Waldsteinsonate ähnlich eröffnete wie die Bachkantate O Ewigkeit, du Donnerwort (BWV 620). Der Schlusssatz dieses Chorals lautet Es ist genug –eigentlich ein Kirchenlied (1662) von Johann Rudolf Ahle (1625–1673). Ahle war Organist in Mühlhausen, Bach sein Nachfolger. Hatte Bach 1723 Ahles Melodie meisterlich ausgeführt, erklang der prägende Melodielauf 1889 wieder in Brahms᾽ vierstimmiger Motette Ach, arme Welt op. 110 Nr. 2).

Schon in Ahles Melodie kam die aufsteigende Ganztonreihe vor, die dann auch Alban Berg faszinierte. 1935 schrieb er nicht nur sein Violinkonzert, sondern zuvor an Willi Reich, seinem späteren Biografen: „Schicken Sie mir bitte (leihweise) die Matthäus-Passion (Partitur oder Klavierauszug) und, falls Sie es besitzen, eine Choralsammlung (ich brauche für meine Arbeit eine Choralmelodie: Diskretion!).“ Reich schickte ihm gleich eine ganze Sammlung Bach-Choräle, darunter die Kantate O Ewigkeit, du Donnerwort. Berg findet dort Es ist genug und meint: „Ist das nicht merkwürdig: Die ersten vier Töne des Chorals (eine Ganztonfolge) entsprechen genau den letzten vier Tönen der Zwölftonreihe, mit der ich das ganze Konzert baue?“

Im Adagio seines Dem Andenken eines Engels gewidmeten Violinkonzerts zitiert Berg elegisch, sphärisch, schwebend, schweigend diese Tonfolge. Es wurde sein letztes Werk. Bernd Alois Zimmermanns Es ist genug-Zitat am Ende seiner Ekklesiastischen Aktion „Ich wandte mich und sah an alles Unrecht, das geschah unter der Sonne“ (1970) ist dagegen ein Fanfarenstoß voll Aufbruch und düsterem Chaos. Auch für Zimmermann war es das letzte Werk.

Vivaldi hätten solche „Echos“ sicherlich gefallen, hatte er nicht nur in seinen Vier Jahreszeiten mit Echoeffekten gespielt, sondern eigens ein Echokonzert geschrieben: Concerto für 3 Violinen in A-Dur – per eco in lontano (RV 552). In hörbarer „Ferne“ ertönt das Echo, zwei Violinen führen es nacheinander aus.

So, es ist genug. 1735 ließ Bach der Gigue in seiner Ouverture nach Französischer Art (BWV 831) noch einen ungewöhnlichen letzten Satz folgen: Echo.

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