Woher kommt eigentlich… „Dein ist mein ganzes Herz“?

Franz Lehár

In der Sinfonietta von Leoš Janáček (1854–1928) taucht gleich zu Beginn eine Melodie auf, die heute viele mit dem Schlager Theo, wir fahr᾽n nach Lodz assoziieren. Wie kann das sein?
1926 wurde dieses Werk erstmals aufgeführt. Janáček stammte aus Mähren im heutigen Tschechien. Etwa 200 km nordwestlich im damaligen Böhmen wurde der Operettenlibrettist Fritz Löhner-Beda (1883–1942) geboren. Der Dichter und Notar hieß ursprünglich Bedřich Löwy. Bedřich ist tschechisch für Friedrich und Beda die liebevolle Kurzform.

Fritz Löhner-Beda schrieb gemeinsam mit Artur Marcel Werau, einem österreichischen Schlager- und Operettenkomponisten, vor genau 100 Jahren das Marsch-Couplet Rosa, wir fahr᾽n nach Lodz. Mit Rosa war nicht etwa eine Frau gemeint, vielmehr ein Geschoss der Artillerie aus dem Hause Škoda. In der anfänglichen Kriegseuphorie ging der wohl ironisch gemeinte Unterton unter. 1972 tauchte dieses Lied in der österreichischen Fernsehserie Vom braven Soldaten Schwejk wieder auf und schon zwei Jahre später sang Vicky Leandros ihre Variation und landete damit einen Hit.

Der Ursprung dieser Melodie wiederum reicht weiter zurück. Die Beziehung zur Stadt Łódź, die im 19. Jahrhundert zu einer Textilmetropole emporwuchs, fand sich schon in dem Lied Itzek, komm nach Lodz, witzelnd wurde damit die Landflucht armer Bauern besungen.

Für Fritz Löhner-Beda war das der Anfang einer unglaublichen Karriere. Er schrieb zahlreiche berühmt gewordene Schlager und Operettentexte. Sein Dein ist mein ganzes Herz zur Musik von Franz Lehár (1870–1948) wurde zu einem Synonym der Operette. 1985 sang sich mit diesen Zeilen Heinz Rudolf Kunze in die deutschen Charts, 2009 folgte Mi corazon, eine Coverversion des Brasilianers Jay del Alma. All dies kennt man – nur der Name Fritz Löhner-Beda taucht in diesem Zusammenhang meist gar nicht auf. Als Jude verfolgt, kam er 1942 im Konzentrationslager Auschwitz um, zuvor hatte er noch den Text zum Buchenwaldlied geschrieben. Auch die Texte zu Ausgerechnet Bananen (in Anlehnung an einen Broadwayhit) und O Donna Clara (ursprünglich eine polnische Ango Milonga aus der Feder Jerzy Peterburskis) stammen von ihm.

Sechs Jahre bevor Franz (Lehár) und Fritz (Löhner-Beda) ins Land des Lächelns aufbrachen, hieß diese Operette Die gelbe Jacke. Das Fernostsujet war en vogue. Schon 1855 hatte Jacques Offenbach, der sogenannte Vater der Operette und von Rossini zum „Mozart der Champs-Élysées“ geadelt, mit seinen Offenbachiaden den Ton angegeben. In seinem Einakter Ba-ta-clan geben sich in einem erdachten chinesischen Reich Franzosen als Chinesen aus. Offenbachs Musik klingt hier wie ein Mix aus Donizetti, Bellini und Meyerbeer. Hatte Meyerbeer in seiner Oper Die Hugenotten den Lutherchoral Eine feste Burg ist unser Gott fast wie ein Leitmotiv durchklingen lassen, parodierte Offenbach Meyerbeer in Ba-ta-clan. Die ursprünglichen Trompetensignale ließ er mit dem Munde geben. Ein großer Spaß, Meyerbeers Hugenotten zu hören und anschließend Offenbachs Variante, die selbst Giacomo Meyerbeer (1791–1864) gefallen haben soll.

Doch zurück zu Franz Lehár und einem anderen Giacomo. Lehár und Puccini waren befreundet. Hört man hier und da Puccini bei Lehár, ließ sich Puccini von Lehár zu seiner lyrischen Komödie La Rondine (die Schwalbe) inspirieren. Lehárs Librettisten schrieben den Text, doch der Erfolg blieb aus.

Sein Verleger Ricordi sah in La Rondine einen „schlechten Lehár“. Puccini ließ woanders verlegen, meinte er doch sein Werk sei eher eine „Reaktion auf die grauenvolle Musik der Gegenwart, auf die Weltkriegsmusik“. Lehár wiederum fühlte sich zu seinem Grafen von Luxemburg (1909) mehr gedrängt als berufen, bei Abschluss soll er gesagt haben „Der Schmarrn ist fertig und wenn es keinen Erfolg haben wird, habt ihr es euch selbst zuzuschreiben!“ Das Duett Bist du᾽s, lachendes Glück erinnert an Puccinis In quelle trine morbide (Manon Lescaut, 1893).

Edmund Eysler (1874–1949) war ebenfalls Komponist vieler Operetten. Nach Eyslers Bericht soll Franz Lehár ihn beauftragt haben, hier und da einige Melodien für ihn zu schreiben. Kaum verwunderlich, dass die Arie Aber du, du mein Herz, was sagst du aus Eyslers wohl bekanntester Operette Die gold᾽ne Meisterin Lehárs Arie Liebe, du Himmel auf Erden (Paganini) ähnelt.

Franz Lehár ist sicherlich einer der „Könige der Operette“, doch zweifelhaft bleibt, warum er bei seinem großartigen Schaffen unterließ, sich ausreichend für seinen Librettisten Löhner-Beda einzusetzen. Vielleicht wäre er dem KZ entkommen.

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