Woher kommt eigentlich… die Äolsharfe?

Du, einer luftgebornen Muse
Geheimnisvolles Saitenspiel,

Ihr kommet, Winde, fern herüber,

Und säuselt her in die Saiten,
Angezogen von wohllautender Wehmut,
Wachsend im Zug meiner Sehnsucht,
Und hinsterbend wieder.

Aber auf einmal,
Wie der Wind heftiger herstößt,
Ein holder Schrei der Harfe
Wiederholt, mir zu süßem Erschrecken,
Meiner Seele plötzliche Regung …

Eduard Mörike dichtete die Zeilen im Jahr 1837 unter dem Titel An eine Äolsharfe. Das taten vor ihm auch Shakespeare, Goethe, Schiller und viele andere, auch Homer. Gedichte, Reime oder Verse konnte man sich im alten Griechenland ohne Musik kaum vorstellen. Meist wurden sie mit Saitenklang vorgetragen, und der kam von einem leierartigen Instrument, der Lyra. Es war der Götterbote Hermes, der sie erfand, als er über einen leeren Schildkrötenpanzer stolperte. Um den Korpus zum Klingen zu bringen, spannte er mit Hilfe zweier Ziegenhörner ein paar Saiten und brachte sie mit dem Schildkrötenpanzer in Verbindung. Hermes war aber auch der „Schutzpatron der Diebe“. Eines Tages stahl er seinem Halbbruder Apollon eine Rinderherde. Der Gott des Lichtes, der Musik und der Dichtkunst forderte als Entschädigung die Lyra und schenkte sie dem Sänger Orpheus. Der spielte sie und sang dazu so schön, dass er alles und jeden bezauberte. Sein Scheitern war, dass es ihm nicht gelang, Eurydike aus der Unterwelt zu befreien. Heute noch schmückt seine Lyra den Sternenhimmel. Und Gedichte nennt man Lyrik.

Lyrik im ursprünglichen Sinne ist Wort und Musik. Folgerichtig haben Brahms, Wolf und Henze das Gedicht von Mörike vertont, wobei Henze es so verdichtet hat, dass seine Ode an eine Äolsharfe (1986) den Text in „Musik für konzertierende Gitarre & 15 Soloinstrumente“ überführt hat: „Die Gedichte wurden anfangs wie Lieder vertont und dann in Instrumentalmusik verwandelt. Auch die Formstrukturen der Gedichte sind in der Musik nachvollzogen worden.“

Die Äolsharfe ist ein Nachfahre der Lyra und ebenfalls der Poesie eng verbunden. Ihr Spieler ist der Wind. Sie muss frei in der Natur stehen, damit er leicht um die Saiten herumwirbeln kann. Außerdem darf sich die bewegte Luft nicht im Klangkörper verfangen, weshalb Rosetten die Schalllöcher verschließen. Diese Harfe, die ihren Namen Aeolos, dem Gott des Windes, verdankt, war bei vielen Poeten des 18. und 19. Jahrhunderts beliebt. Sie stand für das Verdichten göttlicher Eingebung, die kommt und geht wie der Wind, die schwer zu fassen ist, die dem Dichter aber gerne etwas „einhaucht“. „Afflatus“ nennt sich das und meint den „Hauch“ der Inspiration.

Hugo Wolf wird nachgesagt, dass er mit Brahms überhaupt nichts anfangen konnte. So kommentierte Wolf, als auch er Mörikes Gedicht vertonte, recht direkt: „Die Kunst, ohne Einfälle zu komponieren, hat in Brahms ihren würdigsten Vertreter gefunden. Ganz wie der liebe Gott versteht auch Herr Brahms sich auf das Kunststück, aus nichts etwas zu machen.“ Wolf war damals voller Erwartung gewesen, als er Brahms sein Frühwerk zeigte, hatte aber nur den Rat bekommen, er solle „erst mal tüchtig was lernen“.

Justin Heinrich Knecht (1752 – 1817) ist einer der vielen wiederentdeckten Komponisten. Er widmete dem von Zauberhand gespielten Instrument eine fast vierstündige Oper: Die Aeolsharfe oder Der Triumph der Musik und Liebe. Sie erinnert in vielem an Mozarts Zauberflöte. Deren Ouvertüre wiederum erinnert an Clementis Klaviersonate Nr. 2 op. 24. Aber trotz aller Mozart-Anflüge blieb Knecht Herr seiner Oper. Die Einspielung einer konzertanten Aufführung nach 200 Jahren ist dem Dirigenten und Chorleiter Frieder Bernius zu verdanken.

So wie für Mörike die Äolsharfe ein Afflatus war, war der Dichter ein Afflatus für Brahms, Wolf und Henze; Clementi wiederum war Inspirationsgeber für Mozart und Mozart für Knecht – was zeigt, dass der Wind Ideen einhaucht, die dann wie Staffeln im Lauf weitergegeben werden…

Share

Kommentieren Sie diesen Artikel

*

*

Ihre Email-Adresse wird nicht publiziert. Pflichtfelder sind markiert mit *