Woher kommt eigentlich…die Anfangsfanfare von “Also sprach Zarathustra”?

„Die andern komponieren, ich mach’ Musikgeschichte!“ sprach Richard Strauss und erneuerte den Klang, erweiterte die Möglichkeiten der Oper und spielte in Zitat und Selbstzitat mit Stilen, bestehenden Phrasen und melodischen Wendungen, brach und spiegelte sie mit Respekt wie Ironie. Er nahm die Collagen und Montagen kommender Komponisten vorweg – doch, was auch immer er anklingen ließ, Strauss blieb Strauss.

„Ich hatte den Titel Ihrer symphonischen Dichtung für einen Zeitungsscherz gehalten“, schrieb Cosima Wagner in einem Brief an Strauss. Die Idee einer aufsteigenden Obertonreihe konnte zu seiner Zeit nicht als neu gelten, doch so einfach wie genial ist das, was Richard Strauss aus dem wie die Sonne aufgehenden C-Dur-Akkord macht. Strauss hatte Nietzsches Dichtung Also sprach Zarathustra als Vorlage genommen, der, als hätte er es geahnt, 13 Jahre zuvor schrieb: „Unter welche Rubrik gehört eigentlich dieser ‚Zarathustra‘? Ich glaube beinahe, unter die ‚Symphonien‘.“

Wagner ließ zuvor sein Rheingold aus einem einzigen Ton zum Akkord anschwellen und wenn in seinem Siegfried Brünnhilde mit „Heil dir, Sonne“ erwacht, hat man das Gefühl, den magischen Anfang von Also sprach Zarathustra zu hören, der dann auch  Filmgeschichte machte: Stanley Kubrick’s 2001 – Odyssee im Weltraum ist fast schon zum Synonym für diese Musik geworden. Ja, die Anfangsfanfare gelangte über die Klassik hinaus in die Popmusik, wo sie Elvis Presley als Intro seiner Konzerte diente und der brasilianische Jazzpianist Eumir Deodato seine funkige E-Piano-Version 1973 in die Charts brachte und dafür einen Grammy bekam.

Als 1909 Strauss seine Elektra in der damaligen Dresdener Hofoper uraufführen ließ, fühlte sich der Dirigent Ernst von Schuch während einer Probe durch einen Handwerker gestört, der im Zuschauerraum die Sitze erneuerte und dabei jeden Sitz umklappte: „Zum Teufel! Was ist denn da los? Was sucht denn der Mann da…?“ Strauss soll in die darauf eintretende Stille hinein gesagt haben: „An Dreiklang!“

Nach Salome war Elektra die zweite Oper, die das Gewohnte durchbrach. Die fremden Dissonanzen, das Überschreiten der Dur-Moll-Tonalität, all das machte Strauss zu einem Komponisten der Moderne. „Das hilft alles nichts, wenn in meinem Stück auf der Bühne der Sohn seine Mutter erschlägt, lass ich im Orchester unten kein Violinkonzert spielen“, meinte der weltberühmte „Klangzauberer“ aus München.

Wie eine Klammer umgeben die Anfangsfanfare zum Gesang der Mägde und die dreimaligen Orest-Rufe am Ende Elektra. 1905 erklang diese Klammer schon einmal in Bologna unter der Leitung von Toscanini. Vittorio Gnecchis Oper Cassandra wurde uraufgeführt – auch thematisch verwandt könnte die Oper von Gnecchi unter dem Titel „Was zuvor geschah?“ firmieren.
Richard Strauss, Wegbereiter der GEMA, hatte selbst einen Rechtsstreit: 1880 schrieb ein Journalist aus Neapel namens Giuseppe Turco zur Einweihung der Seilbahn auf den Vesuv den Liedtext Funiculì, Funiculà. Vertont wurde dieser von Luigi Denza. Strauss hatte 1806 die Impressionen einer Italienreise in seine sinfonische Fantasie Aus Italien fließen lassen. Der 4. Satz lautet: Neapolitanisches Volksleben, worin Strauss eine Melodie einwob, von der glaubte, sie sei ein altes Volkslied, doch handelte es sich um eben dieses Funiculì, Funiculà. Das Ergebnis des Streits: Strauss musste Tantiemen zahlen.

Noch 1805 hieß es „zu lang, zu schwer“. Konzertbesucher sprachen über die erste Aufführung der Eroica von Beethoven. Sie hatten etwas Neues gehört. 1945 komponierte Strauss in seiner Betroffenheit über die Zerstörung des Krieges und seiner Heimatstadt „In Memoriam“ aus „Trauer um München“ die Metamorphosen für 23 Solostreicher. Nicht nur motivisch verwandt, erklingt hier der Trauermarsch aus Beethovens Eroica.

1937 erhielt die Sopranistin Elisabeth Schumann von den Nationalsozialisten, unter denen Strauss zuvor Präsident der Reichsmusikkammer war, Berufsverbot und wanderte nach Amerika aus. 16 Jahre vorher war sie mit Richard Strauss und dessen Sohn Franz in Amerika auf Konzertreise gewesen. Ihr Tagebuch hielt fest: „Strauß fährt durch N.Y. like a king. Vor dem Rathaus wimmelt es von Photographen – wir werden gefilmt und geknipst.“ Am gleichen Abend soll Strauss, dem der unsterbliche Anfang von Also sprach Zarathustra gelungen war, über das Ende einer Komposition gesagt haben: „Es ist schwer Schlüsse zu schreiben. Beethoven und Wagner konnten es. Es können nur die Großen. Ich kann’s auch.“

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