Woher kommt eigentlich… die Filmmusik Hollywoods?

Hollywood-Komponist Hans Zimmer. Foto: Sony Classical

Will man heute über die Filmmusik Hollywoods ­schreiben, kommt man an Hans Zimmer nicht vorbei. Mit über 120 Filmmusiken von Rain Man zu 12 Years a Slave hat der geniale Soundarchitekt Ton für Ton in den Himmel ragende Klanggebäude aufgetürmt. Sie bestimmen derzeit die musikalische Skyline Hollywoods. Die Bausteine dazu können, wie im Fall von König der Löwen, ganz variabel der Musik Mozarts oder den Traditionen afrikanischer Zulu-Chöre entspringen.

Der aus dem Taunus stammende Zimmer hat sich dafür eigens eine regelrechte Soundwerkstatt eingerichtet. Einst „Remote Control“ getauft, firmiert sie heute unter „Media Ventures Crew“, ein Produktionsbetrieb, dessen Name auf einen industriellen Umgang mit Musik hindeutet. Ein Komponistenstab vertont unter der Sonne Kaliforniens mehrere Filme gleichzeitig. Zum Vergleich: Wolfgang Korngold, einer der Pioniere der Filmmusik Hollywoods, hat insgesamt circa 20 Filme vertont und kam so auf rund zwei Filme pro Jahr. Korngold erhielt zwei Oscars, Zimmer bisher vier.

Schreibt man über Hans Zimmer, kommt man an Hans Neusiedler nicht vorbei. „Hansen Newsidler“, wie er sich nannte, lebte im Nürnberg des 16. Jahrhunderts und spielte Laute. Wie Traumfabrik-„Neusiedler“ Hans Zimmer heute in Los Angeles war auch er Musiker und Komponist. Für die Laute verfasste er ein „New künstlich Lautten Buch“, worin sich ein „guter gassen hauer auf welsche art“ findet. Carl Orff fand diesen so inspirierend, dass er ihn für vier Xylophone bearbeitete und in sein Schulwerk „Musica Poetica“ aufnahm. Über die Sammlung bemerkte er, es seien „Improvisationen, die wieder zur Improvisation führen wollen“. Diese Anregung nahm sich Hans Zimmer 1993 für die Musik des Films True Romance zu Herzen. Seine Version nannte er nun ganz intuitiv You’re so cool und schuf aus dem einstigen „gassen hauer“ einen Gassenhauer. Als Filmmusik war Orffs Stück allerdings schon 1973 in Badlands zu hören.

Beim Rückblick in die Zeit erahnt man „Hollywood pur“ bereits in Wagners Rienzi-Ouvertüre. Sein Walkürenritt schrieb sogar Filmmusikgeschichte. Coppolas Idee in Apocalypse Now, Wagners Walküren mit kriegslustigen Flugangriffen zu kombinieren, könnte Wagnerfan Marcel Proust initiiert haben. Proust hat im letzten Band seiner Suche nach der verlorenen Zeit ein Gespräch in Zeiten des Ersten Weltkriegs beschrieben. Darin werden Militärflugzeuge am Pariser Himmel mit Walküren verglichen und „der Vergleich der Flieger mit Walküren schien ihm zu gefallen“.

Korngold führte diese Erbschaft Wagners in seiner Filmmusik fort, definierte sie als „Opern ohne Gesang“. Humperdinck, einst Wagners Assistent, nannte Korngold ein “Wunderkind aus dem Feenreich“, Mahler sprach von einem „Genie“. Mit dem Aufkommen des Dritten Reiches war für den jüdischen Komponisten Korngold kein Platz mehr in Deutschland. Er folgte dem ebenfalls emigrierten Max Reinhardt nach Hollywood, mit dem ihn bereits eine erfolgreiche Zusammenarbeit verband. Als Erstes galt es, auf der Basis von Mendelssohns Sommernachtstraum Musik für den Film A Midsummer Night’s Dream zu kreieren. Korngold nahm, Zimmers Arbeitsweise vorwegnehmend, mendelsohnssche Bausteine und ergänzte sie durch eigene Kompositionen im Stile Mendelssohns.

Dann begann der klassische Komponist Korngold, konzertante Musik wie etwa seine sinfonische Ouvertüre Sursum Corda (Empor die Herzen) in Musik für das Kino zu verwandeln. 1919 hatte er sich dabei an der Art der sinfonischen Dichtung von Richard Strauss orientiert und ihm das Werk auch gewidmet. Strauss über Korngold: „Diese Sicherheit im Stil, diese Beherrschung der Form, diese Eigenheit des Ausdrucks …, diese Harmonik – es ist wirklich erstaunlich.“

20 Jahre später nahm Korngold Teile aus Sursum Corda für die Filmmusik The Adventures of Robin Hood. Umgekehrt entführte er Elemente seiner Filmmusik in das (!) Violinkonzert opus 35, ein Werk, das aus dem Konzertrepertoire nicht mehr wegzudenken ist. Im ersten Satz hört man Themen aus Another Dawn und Juarez, im zweiten aus Anthony Adverse und im dritten das Hauptthema aus Der Prinz und der Bettelknabe. Apropos, in dieser Mark-Twain-Verfilmung zitiert er Händels Krönungshymne Zadok, the Priest.

Die Vorliebe für die scharf abgegrenzten Verhältnisse von Schubladen in der Musik hat es lange Zeit schwer gemacht, für Korngold den angemessenen Platz zu finden.
Für ihn selber gab es diese Trennung nicht: „Musik ist Musik, ob sie für die Bühne, das Dirigentenpult oder fürs Kino ist.“

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