Woher kommt eigentlich… die musikalische Aufnahme an sich?

„Tereng! tereng! teng! teng!“ … tönte die wohl erste „Tonkonserve“. Es war das Horn des Postillions, von dem Münchhausen berichtete, es fror auf winterlicher Kutschfahrt gespielte Melodien ein, um sie erst am warmen Wirtshausfeuer langsam tauend wieder preiszugeben. Gleich mehrere Lieder sollen ertönt sein, bevor es verstummte. Musik ist ein flüchtiges Element. Auch wenn sie in dieser Geschichte des „Lügenbarons“ festgehalten wurde – einmal gespielt, bleibt sie verklungen.

Die erste „Cloud“ ist das menschliche Gedächtnis, Musik im Kopf, erträumt, erahnt, erdacht oder gehört, konnte von Beginn an gespeichert und erinnert werden. „Wenn sie nämlich nicht von den Menschen im Gedächtnis behalten werden, vergehen die Töne, weil sie sich ja nicht aufschreiben lassen“, erkannte im 7. Jahrhundert Bischof Isidor von Sevilla. Damit die Töne nicht verloren gehen, begann man, sie aufzuschreiben, sie in Noten zu verschlüsseln.

"„Wenn sie nämlich nicht von den Menschen im Gedächtnis behalten werden, vergehen die Töne, weil sie sich ja nicht aufschreiben lassen,“ erkannte im 7. Jahrhundert Bischof Isidor von Sevilla."

Doch „das Beste der Musik steht nicht in den Noten“, meinte Gustav Mahler und spricht davon, was alles verloren geht, wenn Musik festgehalten wird. Für die Aufzeichnung von Musik stand 1860 erstmals ein Phonautograf bereit. Édouard-Léon Scott de Martinville ließ den Schall des Liedes Au clair de la lune mit einem Trichter einfangen, auf eine Membrane übertragen und versetzte so eine Schweinsborste in Schwingung, die die Töne auf einer Walze voller Ruß sichtbar machte. Die Wiedergabe war nicht vorgesehen. „Wenn es einen Weg gibt, es besser zu machen, finde ihn!“ riet Thomas Edison. 1877 konnte sein Phonograph Aufgenommenes auch wieder abspielen. Es folgten Schallplatten, Tonbänder, Musikkassetten, CDs und mp3-files.

Das Fixieren auf Tonträger ermöglicht dem Hörer ein und dieselbe Musik in ein und derselben Vortragsweise immer und immer wieder zu hören. Das löst Erwartungen aus. Diese Erwartungen können einen Interpreten so beeinflussen, dass er eine solche Tonaufnahme, sei es die eigene oder die eines anderen, als Vorgabe für die Darbietung im Konzertsaal nimmt und auch vom Publikum an diesen Vorgaben gemessen wird. So beeinflusst das Festhalten der Musik den Fluss der Musik.

Der Dirigent Sergiu Celibidache befürchtete: „Wenn wir so weit gekommen sind, dass wir musikalische Erfahrungen überwiegend durch die virtuelle Welt der Schallplatte sammeln, haben wir uns von der Wahrheit weit entfernt.“ Er stand Aufnahmen seines musikalischen Schaffens ablehnend gegenüber, sprach von der Schallplatte als „tönendem Pfannekuchen, Dreck, Onanie.“

Glenn Gould hingegen verließ den Konzertsaal zugunsten des Aufnahmestudios. Er liebte die Ästhetik, sah in der Aufnahme neue Möglichkeiten für Umgang und Gestaltung von Musik. Er dokumentierte mit seinen Einspielungen von Bachs „Goldberg-Variationen“ den Wandel der eigenen Interpretation. Würde Bach seine Variationen von 1741 heute noch so interpretieren wie einst erdacht?

"Celibidache stand Aufnahmen seines musikalischen Schaffens ablehnend gegenüber, sprach von der Schallplatte als „tönendem Pfannekuchen, Dreck, Onanie.“ "

Über den Gedächtnis-Stream lassen sich viele Stücke direkt abrufen, liest man nur: „Mozarts Kleine Nachtmusik“, hat man die Melodie schon im Kopf. Musik kann sich im Hirn winden wie ein Wurm. Einen solchen Ohrwurm erlebte der 24-jährige Heine 1822 mit dem Freischütz in Berlin: „von morgens früh bis spät in die Nacht verfolgt durch das Lied: ,Wir winden dir den Jungfernkranz‘ … Mein Kopf dröhnt. Ich kann’s nicht aushalten. Doch glauben Sie nicht, dass die Melodie desselben wirklich schlecht sei. Im Gegenteil, sie hat eben durch ihre Vortrefflichkeit jene Popularität erlangt.“

Als Beethoven ertaubte, folgte er seinem inneren Ohr. Ganz anders die Musik im Kopf Ravels, sie fand nie mehr heraus. Er litt in seinen letzten Lebensjahren an Amusie und konnte seine Musik nicht mehr aufschreiben, weder singen noch spielen. „Diese Oper (Jeanne d’Arc) ist hier in meinem Kopf; ich höre sie, aber ich werde sie niemals schreiben.“

Beethoven, Ravel und vielen anderen sind im Netz eigene Radiostationen gewidmet, rund um die Uhr läuft hier ausschließlich ihre Musik. Spartenradios spezialisieren sich auf Barock, Opern und Alte Musik. Es gibt die Möglichkeit, die eigene Musiksammlung im Hause aufzulösen und sie in einer Cloud zu verwalten, um sie rund um den Erdball jederzeit hören zu können.

Die Musik, die per Stream aus der Cloud kommt, birgt auch die Chance, einzig und allein die Musik selbst wieder in den Mittelpunkt zu stellen – hier und jetzt, für den Augenblick, den Ohrenkick, sinnlich gespielt, sinnlich erfahren und verflogen. Wird der Zugriff auf die Cloud versperrt, bleiben Konzertbesuche und Selbermusizieren.

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