Woher kommt eigentlich Meister Pedro aus Manuel de Fallas Marionettenoper ?

Foto: Javier del Real

„… um meine Pflicht als irrender Ritter zu erfüllen, wollte ich den Flüchtigen Hilfe und Beistand schenken, und in dieser Absicht tat ich das, was ihr mich habt tun sehen.“

Wirklichkeit und Einbildung auseinanderzuhalten, ist nicht immer leicht. Der irrende Ritter, der hier gedachte, seine Pflicht zu erfüllen, ist Don Quijote. Während der Aufführung eines Puppenspiels in einem Wirtshaus schlug er in seinem Feuereifer, Gerechtigkeit walten zu lassen, nicht nur über die Stränge, sondern auch gleich die spielenden Marionetten kurz und klein, glaubte er doch felsenfest, was auf der Bühne geschehe, passiere wahrhaftig.

Wie es dazu kam? Der Puppenspieler Meister Pedro hatte gezeigt, wie Melisendra, Tochter Karls des Großen, entführt, dann von ihrem Gemahl Don Gaiferos befreit, schließlich auf der Flucht von der übermächtigen Reiterschar der Entführer wieder eingeholt wird. Don Quijote, kein tatenloser Gaffer, vielmehr einer, der Hilfsbedürftigen Beistand leistet, auch auf die Gefahr hin, dabei Sein und Schein zu verwechseln, machte den Entführern schlichtweg den Garaus. Schuld oder nicht schuld, Don Quijote erklärte sich bereit, für den entstandenen Schaden aufzukommen, und zahlte Meister Pedro 40 3/4 Realen.

Wie Manuel de Falla dazu kam, daraus eine Marionettenoper zu machen? Den Auftrag gab 1919 eine Frau, von der Jean Cocteau sagte: „Die Prinzessin ist in die Musik verliebt wie eine Nähmaschine in den Stoff!“ Was dadaistisch klingt, hat einen wahren Hintergrund, war doch Winnaretta Singer, Princesse Edmond de Polignac, eine der zahlreichen Töchter eines Mechanikers und umherziehenden Schauspielers, dem es gelungen war, die Nähmaschine ins Rollen zu bringen. Isaac Singer hieß der Mann. Winnaretta, eine Malerin, die die Musik liebte, konnte sich als Kunstmäzenin entpuppen, weil sie viel von dem unfassbaren Vermögen ihres Vaters geerbt hatte. In ihrem Pariser Kunstsalon sollte eine Marionettenoper aufgeführt werden, de Falla sagte zu und entwickelte die Idee, etwas Großes in ein komprimiertes musikalisches Gewand zu kleiden: Cervantes’ Don Quijote in kammermusikalischer Besetzung. Erfahrung damit hatte er, war doch sein junger Freund und Mitbewohner García Lorca ein Fan des Puppenspiels. Lorca hatte schon mehrfach auf der Bühne die Fäden nach seinen Vorstellungen ziehen und de Falla Musik dazu machen lassen. Manolo, wie Lorca de Falla nannte, nahm also oben erwähnte Episode aus dem Buch der Bücher, machte Cervantes nachträglich zu seinem Librettisten und komponierte mit neoklassischen Klängen und einer Prise dissonanter Kargheit etwas völlig Neues.

Eine erste konzertante Aufführung fand in Sevilla statt. Die Kritiken waren verhalten, vielleicht auch, weil de Falla meinte, mit dieser Aufführung sein Debüt als Dirigent verbinden zu müssen, wohl wissend, dass aller Anfang schwer ist. Die eigentliche Premiere am 25. Juni 1923 dagegen war ein Triumph. Nur mit der auftraggebenden und widmungstragenden Princess kam es zu Zwistigkeiten, weshalb in ihrem Palais das Werk kein zweites Mal aufgeführt wurde.

El retablo del Maese Pedro – so der Originaltitel – brachte dem Komponisten weltweit Erfolg und schließlich das Lob des Don-Quijote-Kenners, Journalisten und Schriftstellers Salvador de Madariaga y Rojo. Der attestierte, durch de Fallas Werk sei „der unsterbliche Don Quijote ein zweites Mal unsterblich geworden“.

Am Rande sei noch vermerkt: Auf der Bühne haben nicht nur Puppentheater und Ausführende Platz, nein, auch Meister Pedros Publikum sitzt hier. So saß de Falla selbst einmal unter diesen mitwirkenden Zuschauern. Zum Lohn bekam er dafür fünf Francs inklusive einer Aufmunterung der Theaterleitung, man wäre zufrieden mit seiner Leistung, und wenn er so weitermache, würde er es wohl noch zu etwas bringen.

Woher aber kommt denn nun eigentlich Meister Pedro? In Cervantes’ opulentem Werk taucht er schon früher auf, heißt Ginés de Pasamonte und befindet sich unter den Galeerensträflingen, die Don Quijote befreit. Nachdem die Befreiten ihrem Befreier mit prasselnden Steinwürfen gedankt haben, zieht Pasamonte weiter und bewerkstelligt später sogar das Kunststück, dem schlafenden Sancho Pansa den Esel unterm Hintern wegzustehlen. Da aller guten Dinge drei sind, treffen Don Quijote und Sancho Pansa, ohne es zu ahnen, den wandernden Gauner erneut wieder. Als Puppenspieler verkleidet trägt er einen wahrsagenden Affen auf der Schulter und nennt sich jetzt – Meister Pedro!

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