Zsófia Boros: “Es muss brennen!”

(Foto: Bene Pikt)

Zsófia Boros hat ein wunderbares Debut-Album bei ECM eingespielt. Auf „En otra parte“ führt sie uns von Wien nach Spanien, Brasilien, Buenos Aires, Kuba und Nordamerika.

Manchmal beginnen Karrieren noch mit einem Brief: Vor zwei Jahren schickte Zsófia Boros einen solchen an das Plattenlabel ECM. Dem legendären Chef des Hauses, Manfred Eicher, legte sie eine historische Aufnahme bei – dazu die Worte: Es sei ein Traum von ihr, das einspielen zu dürfen. Eine Woche später meldete sich Eicher, ein Jahr darauf traf man sich in Lugano, um „En otra parte“ aufzunehmen.

Jetzt sitzt Zsófia Boros, geboren in Prag, aufgewachsen in Bratislava und Budapest, in ihrem Atelier in Wien. Es ist klein und fein, etwas versteckt und auf einer Tafel am Eingang steht: „In Dir muss brennen, was Du in anderen entzünden willst.“ Wir hören ins Album rein. Und schon in den ersten Tönen ist man versucht, zu glauben, es wären ihre eigenen Stücke, die sie da spielt. Alles klingt wie aus einem Guss, intim und persönlich. Man hört zum Beispiel „Se ela preguntar“ von Dilermando Reis (1916–1977). Boros sagt: „Wenn ich dieses Stück zu spielen beginne und immerzu wiederhole, habe ich das Gefühl, dass die Töne ihre eigene Richtung nehmen möchten.“ Es sei wie eine Reise, bei der man tief einatmet und die Eindrücke ausklingen lässt. Eine Reise, die etwas länger dauern kann: Das Album enthält Stücke aus Wien, dann geht es nach Spanien, Brasilien, Buenos Aires, Kuba und Nordamerika.

Für Zsófia Boros sind die unterschiedlichen Werke wie unterschiedliche Sprachen, die sie „verstehen und sprechen will. Jeder Komponist hat seine eigene Sprache. Ich versuche sie zu lernen, und obwohl es jedes Mal etwas anderes ist, ist es immer das, was ich gerne sagen würde.“ Auf „Cancion triste“ von Francisco Calleja (1891–1950), einem Gitarristen, der von Spanien über Uruguay nach Argentinien kam, ist sie zum Beispiel schon als Teenager gestoßen. Sie hatte aber schon viel früher mit der Musik begonnen, im Alter von vier Jahren: Ihre Eltern hatten sie zu einem Klavierkonzert mitgenommen. Diese Welt erschien ihr als die wunderbarste, und sie wollte ein Klavier haben. Ihr Vater war Diplomat, die Familie reiste viel, also bekam sie lieber eine Gitarre geschenkt. Ein Video davon beeindruckt sie noch heute, „weil ich so aus dem Häuschen war über dieses Instrument“. Sie studiert das Instrument in Bratislava, Budapest und Wien, gewinnt in ihren Studienjahren fast jedes Jahr einen Preis und gründet 2004 mit einer Flötistin das Duo AgiLeo.

Jetzt ist sie 33 und hat ihre eigene Vorstellung von Musik. Auch bei der Interpretation: Leo Brouwer’s „Un dia de Noviembre“ spielt sie nicht nach Noten, sondern dem Gehör nach. Sie sagt: „Ich könnte das Stück nicht zweimal hintereinander gleich spielen. Es ist ein schöner Moment, wenn man erkennt, ein Stück darf man so spielen, wie man es selber gestalten würde.“ Nicht sehr üblich, denn in ihrer Ausbildung legte man sehr viel Wert darauf, mit der Interpretation bei der vorgegebenen Stilistik zu bleiben. Der Interpret bleibe dabei am Rande, die Individualität gehe verloren, sagt Boros. Auch bei „Callejon de la luna“ des Flamenco-Gitarristen Vicente Amigo (1967) hat sie sich nicht verleiten lassen, die raue, spitze, ja perkussive Anschlagsweise des Originals zu übernehmen.

Skurril ist das schon: Wenn Zsófia Boros „Te vas milonga“ spielt, hört man die argentinische Seele. Dabei war sie selbst noch nie dort! Sie sei einfach fasziniert von der Melancholie und Sentimentalität und dieser unglaublichen Leidenschaft, die der Tango verkörpert.

Zsofia Boros: En Otra Parte
Ecm Records (Universal)
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