Zum Tod von Nicolai Gedda

Als sein Tod bekannt wurde, war er bereits einen Monat vergangen. Es passte zu diesem diskreten und zurückhaltenden Mann, den viele den Jahrhunderttenor nannten.  „Ich sehe aus wie ein ordentlicher Bankbeamter aus Stockholm“, lachte Nikolai Gedda im Gespräch in seinem Haus am Genfer See. „Ich wollte niemals den Star spielen.“ Brauchte er auch nicht. Sein silbrig heller Tenor, der mühelos, mit unbeschwerter Eleganz und Präzision in höchsten Sphären schwebte, ohne je die Grenze vom Sentiment zur Sentimentalität zu überschreiten, ließ ihn strahlen. Wenn nötig in sieben Sprachen, denn Gedda sprach fließend Deutsch, Englisch, Französisch, Italienisch, Russisch und Tschechisch. Und natürlich Schwedisch.

Sie waren das Erbe einer bewegten Kindheit in Leipzig und Stockholm, wo er als uneheliches Kind zunächst ins Waisenhaus und dann in die Obhut einer Tante und eines russischen Stiefvaters kam. Seine leiblichen Eltern meldeten sich erst, als er berühmt war: „Das war bitter. Mein Vater hat geprahlt mit mir. Meine leibliche Mutter soll, wie man mir erzählte, einmal nach einem Konzert hinter die Bühne gegangen sein. Sie hat nichts gefragt, nur ihre Hand ausgestreckt und meine Kleidung berührt. Doch ich bemerkte sie nicht.“

Wichtige Mentoren wurden ihm der legendäre EMI-Produzent Walter Legge und Herbert von Karajan, dem er kritisch gegenüberstand. „Ich habe viel von ihm gelernt. Aber er war kalt, egozentrisch, machthungrig und unpersönlich“, sagte er im Interview. „Alles war seine Show … Wir waren Teil der Maschinerie, hatten Angst vor ihm. Stimmen waren Karajan egal … Er konnte von einer Stimme besessen sein, wollte aber dann, dass man Partien sang, die einem auch schaden konnten. Viele Karrieren hat er dadurch, wenn nicht zerstört, so doch verkürzt.“

Geddas Laufbahn aber nicht. Von Bach über Mozart, Schubert, italienischen Belcanto und französisches Opernfach bis hin zur Wiener Operette reichte sein Repertoire. Singen war wie eine Therapie, räumte er ein. Mit jeder Rolle gelang ihm immer mehr, sich von seiner großen Schüchternheit zu befreien. „Leidenschaft, das können alle“, schrieb Arnold Schönberg. „Aber Innigkeit, die keusche höhere Form der Gefühle, scheint den meisten Menschen versagt zu sein.” Nikolai Gedda nicht. In über 80 Opernproduktionen lebt er weiter.

Von Teresa Pieschacón Raphael

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